Damit ist natürlich gemeint: Wie bekomme ich als AutorIn meine Geschichte in einer Anthologie publiziert?
Diese Frage stellt sich allen unerfahrenen AutorInnen, die gerne zu einem aufstrebenden Stern am literarischen Himmel werden würden, die aber noch nicht auf einem Level schreiben, dass die Publikation von Romanen für sie Normalität geworden ist.
Da angehende AutorInnen außerhalb von Anthologien nur schwer Sichtbarkeit für ihr literarisches Werk generieren können, sind diese entsprechend beliebt.
Die Perspektive wiederum, die eigene Geschichte direkt unter Hunderten von Einsendungen verschwinden zu sehen, ist deswegen erst einmal ernüchternd. Hört man dann, dass aus Hunderten eingesandter Texte nur ein Dutzend ausgewählt werden wird, kann man schnell zu dem Schluss kommen, dass dieses Dutzend unter Garantie die erfahrenen Autoren sein müssen. Diese Einsicht kann zu Frustration führen und schlimmstenfalls zum Aufgeben.
Diese Kette von Gedanken spiegelt jedoch nicht notwendigerweise die Realität.
Prägnanten Zahlenangaben wohnen nicht immer offensichtliche Schlussfolgerungen inne, wenn man wesentliche, bestimmende Faktoren nicht einrechnet, weil man sie vielleicht nicht kennt.
Deklinieren wir das Ganze deswegen einmal an einem Beispiel durch.
Wie es der Zufall will, hat mein geliebter Eridanus Verlag gerade die finale Zusammenstellung der Science-Fiction-Anthologie „Smartokratie“ veröffentlicht. Auf die Ausschreibung reichte eine verblüffend große Zahl aufstrebender AutorInnen eine Geschichte ein. Am Ende gab es 276 Einsendungen. 14 davon wurden für die Publikation ausgewählt. Diese Anthologie kann uns als aufschlussreiches Lehrstück dienen, denn das Auswahlverfahren war so professionell, wie man es heute kriegen kann und die HerausgeberInnen sind erfahren und in der Szene etabliert.
Die Einsendungen wurden vor dem Lesen durch die drei HerausgeberInnen vom Verlag anonymisiert, um einer etwaigen Voreingenommenheit frühestmöglich eine Barriere entgegenstellen zu können.
Nach dem Sichten aller Geschichten haben die drei HerausgeberInnen die Texte in eine bis drei „Befürwortungen“ kategorisiert.
Hier finden wir – in meinen Augen – ein äußerst interessantes Ergebnis:
195 Texte bekamen keine Befürwortung.
60 Texte bekamen eine Befürwortung.
21 Texte bekamen zwei oder drei Befürwortungen.
Vom Standpunkt der strategischen Planung wäre die Frage also weniger: Wie werde ich so gut wie die erfahrenen Autoren? Sondern eher: Wie verhindere ich, zusammen mit zweihundert Anderen direkt im ersten Gang aussortiert zu werden? Das wäre Schritt eins. Schritt zwei wäre: Wie bekomme ich mehr als eine Befürwortung, um in der oberen Auswahlkategorie zu landen?
Damit wir uns der Antwort auf diese Fragen nähern können, müssen wir herausfinden, ob es reproduzierbare Gründe gibt, die dazu führen, dass eine Geschichte schon in der ersten Runde rausfliegt. Kann man diese 195 Texte nehmen und einige Kriterien zusammenstellen, quasi eine Liste der häufigsten Fehler, die AutorInnen begehen, wenn sie versuchen, publiziert zu werden und scheitern?
Ja, man kann. Es stellt sich nämlich heraus, dass sich uns keine komplexe, individualitätsgetriebene und unübersichtliche Fehlerlandschaft präsentiert, sondern immer wieder die gleichen Probleme auftreten.
Wie es ein weiterer Zufall will, gebe ich dieses Sommersemester (2026) das Seminar “Phantastische Schreibwerkstatt. Science-Fiction-Kurzgeschichten selber verfassen (mit Autor Sven Haupt)” zusammen mit meinem Freund, dem legendären Dozenten für Germanistik, Dr. Markus Tillmann, an der Ruhr-Universität Bochum. Das Seminar widmet sich explizit der Frage, wie man eine Kurzgeschichte schreibt, die eben nicht beim ersten Lesen aussortiert wird.
Damit die StudentInnen die Möglichkeit haben, die erarbeiteten Inhalte noch einmal nachzulesen, habe ich ihnen den Blog Phantastische Schreibwerkstatt zur Verfügung gestellt. Hier finden sich zahlreiche essayistische Beiträge, welche sich mit allen Themen rund um das Verfassen von Kurzgeschichten beschäftigen.
Welche Baustellen sind es nun, die dazu führen, dass Geschichten es nicht über die erste Auswahlrunde hinaus schaffen?
Der wichtigste Grund ist so offensichtlich wie schade:
Die literarische Form wird verfehlt.
Die Ausschreibungen fragen explizit nach einer Kurzgeschichte. Die Kurzgeschichte ist eine eigene literarische Form oder Gattung der Prosa, die eigenen Regeln folgt. Sie unterscheidet sich von der Erzählung in einigen gravierenden Punkten. Die Charakteristika einer Kurzgeschichte sind dabei nicht nur pseudo-formaler Natur. Sie kennzeichnen das Wesen dieser Erzählform. Verstößt man gegen die Grundregeln des Genres, wird AutorIn Schwierigkeiten haben, die Herausgeber zu überzeugen.
Kurzgeschichten sind strukturell darauf angelegt, eine Kernaussage zu kommunizieren. Sie tun das oft – aber nicht immer – mittels einer überraschenden Wendung am Schluss. Das „überraschende“ bezeichnet nicht notwendigerweise einen Knalleffekt am Ende der Geschichte. Es kann auch der „überraschend“ heftige oder tiefe emotionale Impact sein, den AutorIn erzeugen wollte. Damit die Kurzgeschichte aber überhaupt eine Kernaussage haben kann, muss der Gesamtaufbau dies auch reflektieren. Das bedeutet, dass Inhalt, Setting, Thema und Aussage zusammenarbeiten müssen, um das gewünschte Ergebnis zu ermöglichen. Die Beiträge 13-16 beschäftigen sich mit diesem Themenkomplex.
Diese strukturellen Fragen haben Auswirkungen auf die Art, wie die Kurzgeschichte an ihr Ziel kommt. Eine Kurzgeschichte versucht, auf möglichst kurzem Weg, eine emotionale Aussage so tief wie irgend möglich, im Herzen der LeserInnen zu verankern.
Dazu muss AutorIn LeserInnen auch emotional erreichen. Dies erfolgt über die Interaktion zwischen handelnden Personen. Es ist absolut möglich, dies über Exposition zu erreichen, aber wenn man nicht gerade Raymond Carver heißt, ist es geradezu lächerlich schwer.
Handlung wird durch Dialoge vorangetrieben, deswegen sind Kurzgeschichten dialoglastig.
Das Gegenteil von dialoggetriebener Handlung sind Expositionslawinen. Nichts killt eine Geschichte so zielsicher wie Exposition.
Die Beiträge 18-21 beschäftigen sich mit diesem Themenkomplex.
Die Kombination aus Struktur und Modus des Transports – Dialoge vs. Exposition – hat einen gravierenden Einfluss auf die verwendete Motivsprache. Denn hier arbeiten Foreshadowing und das Erfüllen von Versprechen gegenüber den LeserInnen nur dann sauber, wenn die Planung dies von Seite Eins an berücksichtigt. Der Punkt ist: Erzählstrukturen sind holistisch. Verstehe ich ein Zahnrad im Ganzen nicht, hat das massive Auswirkungen auf den gesamten Text.
Clevere AutorInnen könnten an dieser Stelle anmerken, dass sich meine Kriterien äußerst formalistisch anfühlen, während es doch unbestreitbar ist, dass ihrer eigenen Idee absolut frisch, revolutionär und aufsehenerregend ist. Das sollte doch reichen, um gesehen zu werden?
Das ist bestimmt völlig korrekt, aber hier ist das Problem:
HerausgeberInnen (besonders, wenn es auch noch welche sind, die selbst schreiben), lesen jede Geschichte erst einmal strukturell, bevor sie inhaltlich lesen. Das ist nicht einmal ein bewusster Prozess; man kann als AutorIn und HerausgeberIn fast nichts dagegen machen. Das bedeutet nicht, dass das Auswahlkomitee mit einer Checkliste neben dem Text sitzt und Dinge wie: Inhalt, Setting, Thema, Aussage, Dialoge, Motive, etc. abhakt. Ich kann jedoch versichern, dass erfahrene HerausgeberInnen die ersten zwei Seiten einer Geschichte genau lesen, die nächsten zwei ein bisschen schneller … und den Rest quer.
Haben die AutorInnen die besten Ideen, stehen aber die Grundstrukturen der Geschichte schief, dann sehen die HerausgeberInnen das auf einen Blick.
Die Geschichte wirkt dann unfertig und braucht teils aufwendige Nachbearbeitung.
Ab hier stellt sich die Frage: Versuche ich als HerausgeberIn, diese gute Idee in einem mühsamen Lektorat zu retten, oder gehe ich zu der strukturell sauberen, gut umgesetzten Geschichte über, die eine etwas weniger gute Idee hat, mir aber dafür keine Arbeit macht?
Insbesondere deswegen, weil HerausgeberInnen immer wieder die Erfahrung machen, dass nicht alle AutorInnen begeistert und dankbar angesichts der Perspektive sind, dass ihnen jemand strukturell an die Geschichte will. Jedes Lektorat kann deswegen auch der Anfang endloser, zäher Diskussionen sein, in denen es schnell nicht mehr um Inhalte geht, sondern um „Recht haben“. Das ist etwas, worüber HerausgeberInnen nachdenken – wissend, dass sie noch zweihundert weitere Geschichten lesen müssen. Das Ergebnis ist ziemlich offensichtlich.
Spätestens hier wird deutlich, dass wir keineswegs stromaufwärts gegen das überragende Talent anderer AutorInnen schwimmen, sondern vielmehr gegen unsere eigenen technischen Mängel und unsere Bereitschaft, den Text immer wieder zu überarbeiten und aktiv nach offenen Baustellen zu suchen.
Und das ist erst der Anfang.
Jetzt gehen wir mal davon aus, dass AutorIn eine Geschichte vorlegt, die technisch sauber geschrieben ist. Sie funktioniert strukturell und hat sogar eine nette Idee. Sie wird also nicht sofort aussortiert. Wir erinnern uns: Es gab noch einen Schritt zwei. Die AutorInnen wollen in die oberen Auswahlklassen aufsteigen.
Das bringt uns zu einem neuen Problem, und das hat etwas mit den Ausschreibungsthemen selbst zu tun.
Die Anthologie suchte nach Texten, die sich mit smarten Technologien und deren Auswirkungen auf die nahe Zukunft auseinandersetzen und zählt dazu einige Beispiele auf.
Nach dem Lesen der Ausschreibung haben sich 276 AutorInnen aufgemacht, das erzählerische Glück in der smarten Technologie zu finden.
An dieser Stelle lohnt es sich, einen Erfahrungswert zu berücksichtigen, den alle HerausgeberInnen kennen und fürchten:
Menschen neigen dazu in den gleichen Bahnen zu denken.
Ich war selbst einmal Herausgeber einer Science-Fiction-Anthologie, deren Grundlage Märchenmotive bildeten. Meine Logik war: Es gibt Millionen von Märchen. Die Divergenz innerhalb der Motive sollte also maximal hoch sein. Das Ergebnis bestand aus hundert Geschichten, von denen sich zwanzig um Rapunzel drehten. Echt jetzt.
Wann immer AutorInnen also einen Ausschreibungstext lesen, sollten sie sich die Zeit nehmen, darüber zu reflektieren, welche die Top-Ten-Themen sein werden, über die geschrieben werden wird. Ich lese „Smart-Home“. Das ganze Themengebiet „Küche“ fliegt als Allererstes raus. Wie wirkt sich smarte Technologie auf unser „Leben“ aus? AutorInnen neigen weiterhin zur Dystopie, deswegen fliegt „Smart-Death“ als Themenkomplex direkt hinterher. Welche technischen „Gadgets“ werden uns tagtäglich begleiten? Das verführt schnell zur Fixierung auf mechanistisches Erzählen, wo Innovation auf Mensch wirkt, nicht umgekehrt. Ich würde unbedingt darauf achten, dass der Fokus auf den Menschen bleiben.
Hier ist die Grundüberlegung: HerausgeberInnen werden auf jeden Fall ein Dutzend Geschichten finden, die brauchbar sind. Was sie als nächstes brauchen, ist: Abwechslung.
Was die AutorInnen also suchen sollten, sind Alleinstellungskriterien. Originalität gibt in den letzten Auswahlrunden oft den Ausschlag.
Hier sind die Fragen, die ich mir selbst stelle, wenn ich für eine Ausschreibung konzipiere:
- Was ist der effektivste Weg, die angefragten Themen zu behandeln, ohne sie zu behandeln? Ich will in der Mitte der Themen stehen, aber abseits davon.
- Was ist das eine Thema, von dem alle anderen die Finger lassen werden?
- Was ist das Absurdeste, das ich machen könnte, womit ich aber gerade noch durchkomme?
In einem letzten Schritt lohnt es sich unbedingt, auch einen langen und kritischen Blick auf die Metaebene jeden Erzählens zu werfen. Jede Ausschreibung steht im Kontext ihres Zeitgeistes. Jeder Zeitgeist hat Lieblingsthemen und Lieblingsmotive. Auch hier würde ich dringend empfehlen, eine Top-Ten-Liste zu schreiben. Auch diese Themen würde ich möglichst vermeiden.
Wenn alle Welt seit einem Jahr Zombies hypt, dann kann man davon ausgehen, dass die eigenen Zombies neben zwanzig anderen Geschichten stehen, die das gleiche Motiv benutzen.
Bei „Smart“ und „Zukunft“ ist es absolut zu erwarten, dass zahllose Geschichten in die Dystopie steuern werden. Das ist 2026 praktisch keine kontrollierte Entscheidung mehr. Der ganze Zeitgeist steht im Moment auf der Brücke und diskutiert mit ChatGPT den technisch perfekten Absprung. Eine gute Möglichkeit, sich hier abzusetzen wäre, als Leitmotiv für die eigene Geschichte etwas Revolutionäres zu wählen, etwa Hoffnung.
Bei ideologischem Framing würde ich äußerste Vorsicht walten lassen. Je härter eine bestimmte ideologische Richtung im Zeitgeist gepusht wird, desto mehr AutorInnen werden in diese Themen hineinschreiben. Wer mutig ist, kann versuchen, die Leitmotive einer Ideologie liebevoll zu unterminieren und mit Humor bloßzustellen. Kann aber auch schiefgehen.
Die zentrale Botschaft dieses Beitrags soll sein: Die eigene Geschichte in einer Anthologie unterzubringen, ist sehr lange ein technisches Problem, bevor es überhaupt anfängt, ein kreatives zu werden. Wird man abgelehnt, dann geschieht das nicht primär, weil andere AutorInnen „besser“ waren. Den Studierenden im Seminar versuche ich zu vermitteln, dass es nicht schwer ist, publiziert zu werden, wenn man Strukturen, Technik und Form im Griff hat.
Das ist wichtig, denn all diese Dinge kann man lernen.
Auf einige Dinge wiederum haben AutorInnen keinen Einfluss und man kann sie auch nicht lernen.
Man kann nicht lernen, etwas zu sagen zu haben.
Mir sind AutorInnen begegnet, die technisch alles richtig machen und dennoch nur langweilige Geschichten vorlegen können. An dieser Stelle sind gebrochene Menschen stark bevorteilt, da sie – wenn sie aus der Gebrochenheit heraus schreiben – einen äußerst wirkungsvollen Zugang zu den Herzen der LeserInnen schaffen können.
Darüber hinaus gibt es immer das Szenario, dass die Geschichte eine von fünfzehn perfekten Texten ist, die anderen vierzehn jedoch ein harmonisches Ganzes ergeben und man es deswegen final dennoch nicht schafft. Mit anderen Worten, auch das gibt es: Man kann alles richtig machen, unter den besten 21 von 276 BewerberInnen landen – und trotzdem abgelehnt werden. Das gehört dazu. Letztlich werden AutorInnen von ihrer Hartnäckigkeit und Leidensfähigkeit getragen. Viel Schreiben hilft viel, und Aufgeben ist keine Option.