Im Folgenden habe ich Hintergründe zusammen getragem, welche die Grundlange zu einigen der Kapitel bildeten.
Mild Spoilers ahead
Kapitel 1 – Siam, 1897
Irene Cameron, die leitende Wissenschaftlerin für Magie-Abwehr der Hoch-Akademie in London wird von der Krone nach Siam, dem heutigen Thailand entsandt. Sie soll dort ein wertvolles Knochenartefakt sichern, das sich im Besitz des berühmtesten Meditationsmeisters des Landes befindet. Die Suche im von Tigern beherrschten Urwald des siamesischen Hinterlandes gestaltet sich jedoch als nicht ganz einfach.
Hintergrund:
In dieses Kapitel ist viel Recherche geflossen, auch wenn das beim Lesen vielleicht nicht deutlich wird. Ich wollte den kulturellen und geschichtlichen Hintergrund Siams möglichst authentisch darstellen, unabhängig davon, ob die tatsächliche Handlung fantastisch ist.
Was über die politische Lage dort an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert gesagt wird ist historisch korrekt. Das Land wurde zu dieser Zeit von Urwäldern dominiert und weite Gebiete waren unerschlossen und während der Regenzeit praktisch von der Welt abgeschnitten. Der regierende König in Bangkok hatte tatsächlich große Schwierigkeiten sein Land in die Gegenwart zu holen, da es nicht einmal ein vernünftiges Straßennetz gab. Hinzu kam, dass das Reisen in den Wäldern tatsächlich extrem gefährlich war. Die Beschreibungen der Tiger sind absolut nicht übertrieben. Wandernde Mönche verbrachten die Nacht oft in schwer befestigten, bunkerartigen Hütten, während draußen, im Dunkeln, dutzende von Raubkatzen ihre endlosen Revierkämpfe austrugen. Nachzulesen in diesem schönen Buch.
Selbst die Reise in den unerschlossenen Norden des Landes, entlang der Flussverläufe habe ich versucht anhand alter Karten nachzuvollziehen, die man Online finden kann.
Selbst der alte Meister hat eine reale Vorlage. Er ist meine Hommage an den legendären buddhistischen Meditationsmeister Ajahn Mun, der zu genau dieser Zeit lebte. Seine Beschreibung hat ihre Vorlage in diesem Foto von ihm. Ich weiß, es sieht einschüchternd aus. Aber zu dieser Zeit waren die Menschen im Norden Siams aufgrund der Mangelernährung alle so dünn und dieser Gesichtsausdruck wurde von einem ehrwürdigen Lehrer auf einem offiziellen Foto erwartet. Der Teil, wo er nachts aus dem Fenster klettert und im Wald verschwindet, um einer Anstellung in Bangkok zu entgehen, ist übrigens tatsächlich passiert.
Kapitel 3 – London, 1940
In einem entscheidenden Manöver, welches den Sieg im Krieg gegen Britannien erzwingen soll, eröffnet das russische Reich, von seiner neuen Orbitalstation aus, das Feuer auf die Hauptstadt der Krone. Lord Ramsey wird von dem Angriff überrascht, als er gerade versucht die Stadt zu verlassen. Seine Flucht führt durch das untergehende London und endet in einem Feldlazarett, wo er erfährt, dass die Krone den Krieg um Haaresbreite gewinnen konnte.
Hintergrund:
Die Vorlage für den Mittelteil dieses Kapitels ist der Feuersturm auf Hamburg, der am 25.07. (meinem Geburtstag) 1943 in drei Tagen mehr als 34.000 Menschen das Leben gekostet hat. Auch bekannt als Operation Gomorrha. Es war zu dieser Zeit der schwerste Angriff des Luftkriegsgeschichte. Ich hatte anlässlich des 75. Jahrestags im vergangenen Jahr viele Zeugenberichte gelesen. Die meisten Szenen, welche die Flucht aus der Stadt beschreiben, stammen aus diesen Berichten. Die Zivilbevölkerung war auch hier tagelang vorher durch Flugblätter aufgefordert worden die Stadt zu verlassen, aber das Lesen von feindlicher Propaganda stand tatsächlich unter Todesstrafe.
Es ist sehr ungewöhnlich und eine große Ausnahme für mich extreme Szenen dieser Art zu schreiben. Normalerweise fliegen meine Raumschiffe mit Kindern an Bord und ich betrachte meine Bücher gerne als alpraumfreie Zonen. Wirklich wohl war mir bei der Konzeption des Textes also nicht, aber es fühlte sich dennoch richtig an, das Thema aufzugreifen. Es ging um ein entscheidendes Schlüsselerlebnis, auf welches hin die Handlung des Buches den Planeten endgültig verlässt. Und manchmal schreibt auch ein Science-Fiction-Autor gegen das Vergessen.
Kapitel 4 – Cuauhtemallan, 1971
Der Forscher und Archäologe Charles Cameron untersucht zusammen mit seiner Frau ein seltsames Höhlensystem, das sie unter einer Pyramide im heutigen Guatemala gefunden haben. Je tiefer er in die Struktur der Tunnel eindringt, desto weniger Sinn ergibt die Anlage. Als sie schließlich verstehen, warum die Pyramide gebaut wurde, ist es schon zu spät.
Hintergrund:
Die erste Version dieses Kapitels ist aus dem Jahre 2016 und damals hat mich diese Geschichte wahnsinnig gemacht. Ich hatte den Text für eine Ausschreibung zum Thema Höhle verfasst, wo er natürlich angelehnt wurde. Ich hätte ihn auch abgelehnt, die Struktur war lausig. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht so recht, wie man Kurzgeschichten konzipiert.
Ich hatte mich unter großen Mühen bis zu dem Schluss vorgekämpft und er gefiel mir überhaupt nicht. Ich hatte fortwährend das Gefühl, dass es irgendwie mehr zu dieser Angelegenheit zu sagen gegen müsste, oder dass es ein verstecktes Ende gab, dass ich außerstande war zu finden. Ich hatte mich doch tatsächlich in eine Höhle gewagt, und mich, ohne zu wissen wo der Ausgang ist, in eine Sackgasse geschrieben. Dort steckte ich dann jahrelang mit diesem Text im Dunkeln fest.
Die Lösung kam erst mit der Geschichte auf dem Wasserplaneten Anahita (Kapitel 9). Auch hier hatte ich das tiefsitzende Gefühl, es gäbe mehr zu sagen, als ich auf den ersten Blick sehen konnte. Eines Tages stellte ich mir dann die folgende Frage: Was wäre, wenn beide Geschichten im gleichen Universum spielen? Was, wenn sie Teil der gleichen großen Erzählung sind, die sich durch Generationen voneinander getrennt an verschiedenen Orten entwickelt?
Was, wenn der Grund, dafür, dass ich die Ereignisse in Guatemala (Kapitel 4) als so unbefriedigend empfand schlicht der ist, dass die wahre Geschichte an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit weitergeht?
Es war einer dieser Momente, in welchen dem stöhnenden Autor der Kopf auf die Tischplatte fällt, weil er es nicht fassen kann, wie blind er ist. Als sich das Uhrwerk einmal offenbart hatte, stand der Plot für das Buch innerhalb von einem Tag.
3 Kommentare zu „Die Offenbarung des Uhrwerks – Hintergrund“