Ein Übermaß von Welt – deswegen auch alle Hintergründe

Mit „Ein Übermaß an Welt“ publiziere ich mein zehntes Buch.

Zeit für einen Rückblick und die Frage: Was nun?

Wer mich kennt, weiß, dass ich Strukturen sehr ernst nehme.

Deswegen überrascht es vielleicht nicht, dass auch mein Gesamtwerk eine Metastruktur besitzt.

Fairerweise kann ich dafür keinen Credit nehmen, das Ganze ist ohne meine Beteiligung entstanden, aber dennoch schön zu sehen, dass ich mir selbst im Unbewussten treu bin.

Alles begann mit Bettina Calvin, meiner Hommage an Asimovs Susan Calvin, in meinem ersten Buch: „Der elektrische Engel“. Beide Calvins zeichnet ein tief verwurzeltes Bedürfnis aus, ihre Welt zu kontrollieren. Sie sind brillant und ihr überlegener Geist ermöglicht ihnen einen hohen Level an Macht und Einfluss. Ein gefälliges Szenario, das jedoch sehr schnell langweilig wird, denn es erlaubt nicht viel Raum für Entwicklung. Ich fragte mich, was man eigentlich verlieren muss, wenn man den Raum für Entwicklung zurückhaben will …

In meinem ersten Roman „Die Sprache der Blumen“ verliert meine Protagonistin die Erinnerung. Sie wacht in einer Welt auf, die sie nicht versteht. Ihre Aufgabe ist es herauszufinden, wer sie ist, dies zu akzeptieren und aus freien Willen heraus ihr Schicksal anzunehmen. 

Ein spannendes Szenario, welches jedoch an unserer gelebten Realität vorbeigeht. Wir sind selten allein, wir haben und brauchen andere Menschen. Davon abgesehen sind wir noch seltener frei unseren Pfad selbst zu wählen. Wir verbringen im Gegenteil viel Zeit damit gegen unerwünschte Fremdbestimmung zu kämpfen.

In meinem Roman „Stille zwischen den Sternen“ habe ich mich der Frage nach anderen Menschen angenommen. Meine beiden Protagonistinnen wissen ganz genau, wer sie sind und welche Macht sie haben. Sie kennen auch ihre Aufgaben sehr präzise. Ihr Problem ist, dass sie fortwährend versuchen nicht zu sein, was sie sind. Sie wollen verzweifelt das sein, was der andere ist … und scheitern. Der Grund dafür, dass es dennoch funktioniert ist, dass sie sich aufeinander stützen und zusammen mehr sein können als die Summe ihrer Teile. Sie verwirklichen sich durch die andere Person. Wir sind nicht gebaut alleine zu sein und wir benötigen andere, damit sie uns sagen, wer wir sind.

Der Roman „Wo beginnt die Nacht“ greift wiederum die Idee der Fremdbestimmung auf. Wieder hat meine Protagonistin keine Erinnerung, diesmal jedoch soll sie ihr Schicksal leben, während zahlreiche Kräfte an ihr zerren, die alle versuchen ihr die eigene Agenda zu diktieren. Ihre Aufgabe ist es diese Kräfte zu navigieren, ihren eigenen Weg zu finden und auf dem Weg zur Lösung die zahllosen widersprüchlichen Anforderungen zu integrieren. Ordnung aus dem Chaos schaffen.

An dieser Stelle hatte ich die offensichtlichen Szenarien abgearbeitet. Verwirklichung durch sich selbst. Verwirklichung gegen den Widerstand der Fremdbestimmung. Verwirklichung durch andere Menschen. Der nächste Schritt erschien mit logisch, wenn auch radikal. Verwirklichung, wenn es eigentlich nicht möglich ist.

Im Roman „Niemandes Schlaf“ hat der Transhumanismus den Menschen alles genommen. Meine Protagonistinnen sind unendlich versehrt und kraftlos. Sie haben keine Macht und sie sind äußeren Kräften vollständig ausgeliefert. Meine Frage war: Wie schwach kann ich sie werden lassen, damit sie zu Heldinnen werden können? Und wie still und leise kann Heldentum eigentlich sein? Wie erzähle ich eine Liebesgeschichte, wenn beide Beteiligten dafür eigentlich überhaupt keine Energie mehr haben?

Nach dem Buch wusste ich, ich muss den Kurs ändern, denn wie soll man an dieser Stelle noch weitermachen? Ich war ein wenig erschüttert und die Verwirklichung des Selbst hatte sich irgendwie erschöpft. Was machen wir, wenn wir realisieren, das Selbstfindung und Selbstverwirklichung auch nur der Anfang sind? Mir fiel auf, dass ich ein spannendes Motiv benutzt hatte, als ich mit angehaltenen Atem verfolgte, wie Lou bereit war alles zu geben, um Eva zu folgen. Das Opfer. Die Fähigkeit etwas für jemanden aufzugeben, definiert uns als Menschen, wie kaum etwas anderes.

Ich fragte mich: Wenn ich bereit wäre meinen beiden Protagonistinnen alles zu geben, was sie sich wünschen – was wären sie dann bereit dafür aufzugeben? Wie groß wird unser Opfer sein, wenn alles auf dem Spiel steht?

Dieser Gedanke wurde zum Kern des Romans „Anahita“.

Das Opfer, das wir für einen anderen bringen, macht uns also zutiefst menschlich. Mir kam die perfide Frage, wie lange ist das eigentlich gültig ist. Wenn ich den Transhumanismus bis an sein Ende durchdekliniere, funktioniert das dann auch noch? Funktioniert das Ganze auch noch, wenn die Menschheit eigentlich nicht mehr da ist? Wenn der Transhumanismus alle seine menschlichen Kinder und dann sich selbst gefressen hat? Was wenn nur noch die ungeliebten Kinder übrig sind, die keiner mehr will? Kann ich aus den Ruinen des Wahnsinns durch tiefe Menschlichkeit und das Opfer für jemanden einen Neuanfang generieren?

Die Antwort ist mein Roman „Der Himmel wird zur See.“

Nach diesem Roman fühlte ich mich latent ausgebrannt. Nicht weil ich nicht mehr arbeiten konnte, sondern weil ich nicht wusste, wohin jetzt? Ich hatte das Gefühl all diese Bücher wollen mir was sagen, aber ich verstand nicht was. Wie auch, ich habe sie ja nur geschrieben. Ich bin immer der Letzte, der versteht, worum es in einem meiner Bücher wirklich geht.

Ich blickte also immer wieder auf meine Protagonistinnen und betrachtete sie in ihren inneren Entwicklungen. Mir fiel auf, dass ich unbewusst einen interessanten Spiegel unserer Zeit geschaffen hatte. Es folgten viele Monate, in denen ich immer wieder in meinem Kopf, in Artikeln und Büchern die lange Entwicklung durchging, die uns an diesen Punkt gebracht hat. Der Modernismus, der Übergang zur Postmodernen, die Geburt des Feminismus, die Explosion der technischen Entwicklung, welche der Kickstart für den Transhumanismus war, die immense Beschleunigung der letzten zwanzig Jahre und dann, in einer nie dagewesenen Entwicklung, welche niemand wirklich hatte kommen sehen: Das Zusammenschmelzen des progressiven Feminismus und des Transhumanismus in etwas, das bis jetzt noch nicht einmal einen eigenen Namen hat.

Ohne dass ich darum gebeten hatte, stand am Ende dieser langen Entwicklung tatsächlich eine tiefe existenzielle Erkenntnis. Wer rechnet denn mit sowas?

Der Transhumanismus nimmt für sich die physische und moralische Alleinherrschaft über die Entwicklung des Menschen in Anspruch. Das Glück, welches hier versprochen wird, soll aus der Wahrheit generiert werden, die sich in den Menschen findet und die mit Hilfe technischen Fortschritts in die Realität geholt wird. Auf dem Weg werden Schmerzen, Krankheit und Tod abgeschafft.

Hier ist meine Erkenntnis: Transhumanismus ist letal. Es wird nicht funktionieren. Die Idee ist verführerisch, aber axiomatisch falsch.

Menschen können keine Wahrheit aus sich selbst heraus generieren. Dafür sind sie nicht aufgestellt. Wenn sie es versuchen, generieren sie jedoch sehr zuverlässig Wahnsinn.

Menschen können auch Leiden nicht durch technischen Fortschritt auslöschen. Das Einzige, was sie erreichen, ist Leiden konfigurierbar zu machen – genauso, wie Abos abzuschließen, die man nicht mehr kündigen kann.

Stellt sich die Frage, wie gehe ich jetzt mit dieser Erkenntnis um?

Das hat mich lange sehr ratlos gemacht, bis ich mir eingestand, dass ich das Problem literarisch nicht lösen kann. Ist aber nicht schlimm, denn das muss ich auch nicht. Autoren neigen generell viel mehr zur Betonung der Frage als zur Formulierung der Antwort. Wenn Transhumanismus keine gute Antwort ist, was war dann ursprünglich das Problem? Was wollen wir eigentlich erreichen?

Wozu der ganze Aufwand? Ich verstehe schon, wie wollen glücklich sein. Keine Schmerzen, keine Krankheit, kein Tod. Ewiges Leben und Freude für alle. Das Paradies.

Wir wollen, um eine altes Wort zu benutzen, in den Himmel kommen.

Das erscheint mir ein guter Start zu sein.

Das ist es, was wir im zehnten Buch machen werden.

Wir reisen in den Himmel …

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