Von Gewehren und Blumen

Es gibt ein bekanntes dramaturgisches Prinzip mit dem Namen: Chekhov’s gun, also: Chekhov’s Gewehr.

Es ist nach dem russischen Autor Anton Chekhov benannt, der Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts lebte und als einer der größten Meister der Kurzgeschichte gilt.

Sein Prinzip formulierte er so:

Entferne alles, was keine Relevanz für die Geschichte hat.

Wenn du im ersten Kapitel beschreibst, dass ein Gewehr an der Wand hängt, dann muss dieses Gewehr im zweiten oder dritten Kapitel abgefeuert werden, andernfalls hat es kein Recht dort zu hängen.

Für Autoren von Kurzgeschichten ist dieses Prinzip überaus wichtig, da die Kurzgeschichte davon lebt, dass jede Form der Exposition wo irgendwie möglich vermieden wird. Doch auch in Romanen kommt das gleiche Prinzip zum Tragen. Natürlich ist ein Gewehr an der Wand, irgendwo in einem dreihundert Seiten Roman, kein großes Problem. Wenn es jedoch um die Einführung größere Motive geht, muss dem Autor bewusst sein, dass er dem Leser möglicherweise Versprechungen macht, welche eingehalten werden müssen.

Als Beispiel nehme ich ein Motiv aus einem meiner eigenen Bücher, einfach, weil ich in dem Moment, wo ich es niederschrieb, sofort an Chekov’s gun denken musste.


– Mild Spoilers ahead –


In meinem Roman Die Sprache der Blumen lernt die Protagonistin bereits im zweiten Kapitel, dass ihre Welt von einem gewaltigen Baum dominiert wird. Ihr wird erklärt, dass die Spitze dieses Baumes von einer einzelnen, riesigen Blüte gebildet wird, die sich, solange der Wald existiert, noch nie geöffnet hat. Darüber hinaus ist die Blüte viel zu weit oben, als das die Protagonistin sie jemals selbst sehen könnte.

An dieser Stelle mache ich dem Leser gleich mehrere Versprechen. Nicht nur muss die Protagonistin die Blüte jetzt natürlich irgendwann sehen, darüber hinaus ist eine geschlossene Blüte für sich allein bereits eine Art poetisches Versprechen. Man erwartet, dass diese sich irgendwann öffnet. Es ist sogar die implizite Forderung nach einem Höhepunkt damit verbunden.

Die Blüte als einzelnes Motiv ist also ein Beispiel von Chekov’s Gun. Aber hier passiert noch mehr.

Wir haben eine Protagonistin, die völlig neu in einer Welt ist, die sie nicht versteht. Sie wird außerdem schnell lernen, dass sie diese Welt nicht verlassen kann.

Dazu haben wir eine geheimnisvolle Blüte, die sich, solange die Welt exisitiert, noch nie geöffnet hat.

Diese beiden Motive zusammen erzeugen im Leser etwas, dass man ebenfalls als Prinzip kennt, nämlich die sogenannte Epische Vorausdeutung. Ehrlich, ich wusste nicht mal, dass es einen deutschen Begriff dafür gibt. Ich kannte nur den wesentlich geläufigeren englischen Begriff des Foreshadowing.

Ich gebe dem Leser hier schon sehr früh im Buch, wenn auch subtil, zu verstehe, dass die Protagonistin ihren Hauptkonflikt gelöst haben wird, wenn sich die Blüte öffnet.

Diese Art Motive zu verwenden, um dem Leser ein geheimes Versprechen zu geben ist gängig und weit verbreitet. Es dient dazu den Leser zu Orientieren und ihm ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Der Leser bekommt auf diese Weise bestätigt, dass er jetzt verstanden hat, um was es geht und der Autor ihn diesbezüglich nicht hinters Licht führen will. Der Autor wiederum tut gut daran diese Versprechen nicht zu brechen. Das Versprechen einer Blüte einzuführen und dann den Wald niederbrennen zu lassen ist keine gute Idee. Es lohnt sich also beim Konzipieren eines Romans eine Liste der emotional wichtigsten Motive zu führen und die Versprechen im Blick zu behalten, die man dem Leser gegeben hat.

Der Vollständigkeit halber sollte ich vielleicht anmerken das nicht alle Autoren das Prinzip von Chekhov’s gun unterschreiben. Hemingway war zum Beispiel ein Kritiker dieses Prinzips, weil er die Ansicht vertrat, dass es sein Recht als Autor sei belanglose Details in seine Geschichten einzubauen, die nichts zur Handlung beitragen. Etwa Personen, die durch den Plot laufen und wieder verschwinden, ohne dass sie einen validen Beitrag zur Handlung geleistet haben. Meine Anmerkung dazu wäre natürlich: Das war Hemingway! Der konnte machen, was er wollte. Ich hatte über den Unterschied zwischen uns Anfängern und literarischen Meistern bereits hier schon einmal etwas geschrieben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s