Aiki Mira – Neongrau (2022)

Aiki Mira ist Preisträgerx des Deutschen-Science-Fiction-Preises 2022, sowie des Kurd Laßwitz Preises 2022 und war auf den Shortlists beider Preise mit jeweils drei (3!) Geschichten vertreten. Autorx studierte Medienkommunikation, forschte bereits zu Gaming und lebt heute in der Science-Fiction und in Hamburg. Aiki Mira erforscht die Grenzen unserer Beziehungen und der menschlichen Identität und schreibt, denkt und diskutiert gerne queere Themen. Nachdem mit Titans Kinder zunächst eine längere Novelle erschien, liegt mit Neongrau nun auch (endlich!) der erste Roman vor.

Neongrau ist ein genialer Roman, aber kein einfaches Buch. Die Leser:innen bekommen wundervolle Momente, müssen aber dafür arbeiten. Es ist ein Buch, welches viel verlangt und welches die Lesenden nicht mehr loslassen wird. Es ist ein visionäres Werk, welches reich belohnt, jedoch nichts verschenkt. Es ist ein erbarmungsloses Buch, das verstört und vielleicht gerade deswegen sehr tiefe Einblicke und Erkenntnisse ermöglicht.
Neongrau ist literarisches Schreiben auf hohem Niveau vor einem Setting, dass sich einer sauberen Einordnung schlicht verweigert.

Direkt in der ersten Szene des Romans fällt jemand vom Skateboard und bremst mit dem Gesicht auf dem Asphalt. Der Moment ist exemplarisch für die Erfahrungen, die folgen werden. Ob man es möchte, oder nicht, innerhalb weniger Momente des Lesens wird man dicht in das innere Erleben der handelnden Personen hineingesaugt. Diese überfallartige Distanzlosigkeit ist kein Versehen. Es ist eines der Hauptmotive von Aiki Miras Schreiben, eine seltene Gabe, die beim Lesen jedes einzelnen Textes schnell offensichtlich wird.
Wie niemand sonst schafft Autorx es Intimität zwischen Leser:in und Protagonist:in herzustellen, in einer Geschwindigkeit und Intensität, wie ich es noch bei keiner anderen schreibenden Person erlebt habe. Ohne es wirklich zu wollen werden wir in Rekordzeit in die Handlung gezerrt und das Gelesene rückt in seiner vollen emotionalen Tragweite mit erschreckender Geschwindigkeit an uns heran. Das Fatale ist, dass man keine Wahl hat. Innerhalb von Sekunden befinden sich die Leser:innen so dicht am ungefilterten Inneren der Handelnden, dass die schiere Rohheit der Erfahrung uns zu überwältigen droht.

"Was unsere Fans wollen ‒ auch heute noch ‒ ist die rohe, persönliche Perspektive jedes einzelnen Athleten. Sofortiger Zugriff, keine Filter." [Kapitel 9]

Eine Chance auf Erholung gibt es nicht. Aiki Mira ist absolut unbarmherzig im unaufhörlichen Offenbaren des inneren Erlebens ihrer Charaktere und erzeugt so eine schockierende Atemlosigkeit, die bis zum Ende des Romans anhält.

Die Frage nach Identität und Beziehungen steht dabei in diesem Werk über allem und durchtränkt jeden Handlungsstrang. Die dystopischen Motive einer technisch fortgeschrittenen Gesellschaft erzeugen Science-Fiction Anklänge, ebenso wie Cyberpunk-Erinnerungen. Im Kontext der allgegenwärtigen Fragen nach Identitäten könnten die Leser:innen verführt sein, hier an eine Art queerem Cyberpunk zu denken. Das würde dem Roman jedoch auf keiner Ebene gerecht. Aiki Mira geht weit darüber hinaus. Wer normale Science-Fiction erwartet, ist in diesem Buch falsch. In Neongrau ist absolut nichts normal.

"Weißt du, ich denke, normal sein ist überbewertet«, sagt Phoenix […]" [Kapitel 49]

Die knapp über achtzig sehr kurzen Kapitel zeichnen nicht einmal einen Handlungsbogen in dem Sinne. Sie erzeugen ein betäubendes Stroboskop in dessen unaufhörlichem Blitzen sich eine überwältigende Fülle individuellen Erlebens ablichtet. Neongrau ist eines dieser Bücher, welche man an einer beliebigen Stelle aufschlägt, nur um sofort in den intensiven Motiven und einer bildgewaltigen Welt zu versinken.
Deswegen verschwindet beim Lesen immer wieder die Rahmenhandlung aus dem Blick, droht in der schieren Übermacht der sprachlichen Gewalt dieses Werkes einfach zu versinken. Die Sprache ist der Ort, wo der Roman brilliert. Sie ist dicht, hoch komprimiert und fast schon übergriffig. Nach wenigen Kapiteln wird klar, dass die eigentlichen Ereignisse vollkommen unwichtig sein werden. Ja, es gibt da irgendwo eine Rahmenhandlung und da ist auch ein übergeordneter Spanungsbogen. Ich werde nicht auf Inhalte eingehen, das können andere machen, denn wie so oft bei wegweisenden literarischen Werken ist auch hier die eigentliche Handlung nicht wirklich relevant.
Es passieren Dinge. In der Gamer-Szene werden Wettkämpfe ausgetragen, Verschwörungen aufgedeckt. Es gibt Explosionen und Menschen sterben. Täuschungen und Lügen. Leben sind miteinander verflochten, aber wie die Leser:innen schnell bemerken werden, verliert all das jede Bedeutung angesichts der urgewaltigen Sprache die Aiki Mira benutzt. Ich hatte kaum bis Kapitel zehn gelesen, als ich realisierte, dass ich das Buch ein zweites Mal werde lesen müssen. Etwa bei Kapitel fünfzig war es dann schon ein drittes Mal.

Autorx benutzt einen hochkomprimierten Stil, dem nach wenigen Seiten anzusehen ist, dass jeder Satz in diesem Roman ein Dutzend Mal überarbeitet wurde. Kein Wort steht durch Zufall an seinem Ort, keine Beschreibung ist unnötig. Auf fünfhundert Seiten existiert keine überflüssige Szene, die Kompressionsrate für Motive ist immens hoch. Ich sage das noch einmal, weil es so unerhört ist: Das Werk hat keine Längen. Es ist fast gruselig zu verfolgen wie viel Inhalt in die Seiten gepresst wurde.
Niemals bleibt die Handlung dabei an der Oberfläche. Alles ist intensiv und oft fast unangenehm detailliert. Immer wieder kreiert Aiki Mira Bilder, denen man schon beim ersten Lesen ansieht, dass sie einen lange verfolgen werden und wenn man glaubt, es überstanden zu haben, driftet die Szene mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit in Horrormotive ab, ohne dabei auch nur aus dem Tritt zu kommen.

Der Blick der Erzähler:in ist dabei nüchtern und allwissend. Personen werden vor ihren unbarmherzigen Augen seziert und in ihren Schwächen offengelegt. Dabei bleibt die Welt des Romans verwirrend und scheint mir mit Bedacht auch so angelegt. Die Leser:innen werden ständig zwischen vertrauten Motiven und verstörend Dystopischem hin und her gerissen. Man wähnt sich für einen Moment im Cyberpunk und steht kurz darauf in einer Szene, wie sie auch morgen schon stattfinden könnte. Die Gesellschaft ist erschreckend endzeitlich und dennoch bereits viel zu vertraut.
So entsteht eine Zukunft, die gleichzeitig unendlich weit weg ist und gefühlt schon vor unserem Fenster.
Diese Ambivalenz setzt sich auch im virtuellen Teil dieser Welt fort. Essentielle Teile der Handlung finden in einem Spiel statt, dessen Inhalte ebenso konfus bleiben, wie die Regeln der Welt, in der die Personen interagieren.
Das Wordbuilding ist dabei gleichzeitig unfassbar detailliert, und bis hinunter in die minutiös konstruierte Slang-Sprache so sorgfältig ausgebaut, dass es an Besessenheit grenzt. Der Detailreichtum ist hoch genug, dass das künftige Drehbuch zum Film kaum zusätzlicher Kreativität bedarf (I’m looking at you, Netflix).
Aiki Miras unverwechselbarer Stil, welcher in den Kurzgeschichten bereits deutlich zutage tritt, setzt sich nahtlos in diesem Romandebut fort.
Die enorme Nähe und das teilweise überfordernde Gefühl ungebetener Intimität wird dabei durch eine besondere Herangehensweise erzeugt. Um diese verstehen zu können müssen wir den Roman jedoch zunächst aus seiner Einsamkeit holen und in seinen literarischen und kulturellen Kontext stellen.

Wer die Kurzgeschichten von Aiki Mira gelesen hat, für den kann es keine Überraschung sein. Nicht nur dieser Roman, sondern alle Geschichten von Autorx sind Lehrbuchbeispiele postmodernen Denkens und stehen damit in der Tradition von ganz großen Stimmen der Millennials, wie Sally Roony. Wer ihre Romane kennt und den Ton ihres Schreibens mag, wird sich bei Aiki Mira sofort wohl fühlen.
Wir finden in Neongrau alle kennzeichnenden philosophischen Eigenschaften dieser Epoche. Dadurch liegt das Werk eng am Puls seiner Zeit und wird schlagartig zu mehr als nur einem vermeintlichen Debüt in der Science-Fiction. Die großen Themen der Postmoderne bilden denn auch den Herzschlag dieses Romans. Allen voran die absolute Toleranz gegenüber den Ausprägungen des Individuums, die vollständige Freiheit dieser Individuen und eine daraus resultierende radikale Pluralität in Gesellschaft und ihren Ausprägungen in Kunst und Kultur.
Aiki Mira nutzt Motive der Science-Fiction, um diese Ideen an den Anschlag zu drehen. Nicht jedoch als fiktives Ideal, sondern wesentlich eindringlicher, fast schon aggressiv als eine bedingungslose normative politische Idee. Dieser Anspruch steht fast schon herausfordernd neben der vollständige Negierung eines universalen Wahrheitsanspruchs in Bezug auf spirituelle und religiöse Wertesysteme. Jede Form der Wahrheit ist immer nur individuell und jeder Anspruch nach universeller Wahrheit ist letztlich nur ein Wunsch nach Macht über andere. Die zentralen Aussagen des Werkes reihen sich fugenlos in dieses Weltbild ein und gehen sogar noch darüber hinaus.
Man würde meinen, dass diese Rahmenbedingungen von ihrem Anspruch her radikal genug sind, doch darüber kann Aiki Mira nur müde lächeln.
Neongrau ist ein Werk, welches jeder Grenze den Krieg erklärt. Die Grenzen der Identität, die Grenzen der Geschlechter, die Grenzen dessen, was wir Familien nennen, die Grenzen unserer Wahrnehmung zwischen real und virtuell und die Frage, ob die Unterscheidung überhaupt Sinn macht. Grenzen der Identität werden so weit dekonstruiert, sodass den Leser:innen teilweise Schwierigkeiten bevorstehen auch nur zu unterscheiden welche Person eigentlich gerade handelt. Grenzen von Gruppen und Gesellschaften fließen hypnotisch ineinander und führen jede Form ideologischer Doktrin ad absurdum.

"Ha, wir brauchen eure Ideologie nicht, weil es auf dieser Welt nichts mehr gibt als uns Individuen verbunden über das Headset …" [Kapitel 20]

Selbst die Grenzen zwischen den Realitäten sind ständig bedroht. Ist es die physische Welt, in welcher agiert wird, oder eine virtuelle Realität, vielleicht handelt es sich um konsumierte Drogen, welche das Erlebte erzeugen. Manchmal ist es alles zusammen. Welche Grenze bleibt überhaupt noch übrig? Die Grenze des Menschseins?

"Ich glaube nicht einmal, dass du ein Mensch bist!«, schreit jemand aus dem Publikum." [Kapitel 31]

Akzeptiert Autorx nicht. Künstliche Intelligenzen, Androiden und Menschen verschwimmen ineinander in einem so bizarr anmutenden Malstrom, dass die handelnden Personen und auch die Leser:innen in einem Zustand unangenehmer, fast schon bedrohlicher Orientierungslosigkeit zurückgelassen werden, welche oft ans Kafkaeske grenzt.

"Mittlerweile weiß sie, manche lieben ausschließlich ‒ ausschließlich Frauen, ausschließlich Männer, ausschließlich Maschinen." [Kapitel 10]

Man sollte meinen, dass so viel Grenzüberschreitung in Romanform die Leser:innen mit einer Flut doktrinären Denkens überflutet, dessen sie schnell müde werden müssen.
Aiki Mira vermeidet dies durch eine Technik, welche Autorx in allen Texten benutzt und die schon fast ein Markenzeichen ist. Hier zeigt sich die Brillanz des Romans und die technische Raffinesse, welche das Schreiben so intensiv werden lässt:
Nirgendwo im ganzen Werk wird auch nur einziges Mal geurteilt. Jedes Erleben und jede Handlung, egal wie verwerflich, moralisch fragwürdig, gebrochen oder kaputt sie ist, wird wertfrei neben die anderen gestellt. Eine unfassbar mächtige, aber auch gefährliche Technik, welche die Leser:innen vor ein nicht unerhebliches Problem stellt, denn Autorx gibt keinerlei Anleitung wer im Werk die Protagonisten sind und wer die Antagonisten.

"Ren Kazumi […] fragt sich: Bin ich ein Monster? Höchstwahrscheinlich." [Kapitel 7]

Man ist beim Lesen unaufhörlich auf der Suche nach Held:innen, doch es gibt sie nicht. Dieser unbedingte Anspruch, auf jeden moralischen Überbau zu verzichten, gibt Aiki Mira eine enorme Macht, wenn es um die Auflösung von Grenzen geht. Denn was am Ende zählt, ist ausschließlich das subjektive Erleben der handelnden Personen, welche sich alle in ihrem versteckten Leiden begegnen können, auch wenn sie es nicht realisieren. Jeder Mensch hat Sehnsüchte und Schmerzen. Sie alle sind auf der Suche nach etwas und sie alle benutzen die Macht, die ihnen zu Verfügung steht, um ihr Ziel zu erreichen.
Der Roman entschuldigt sich nicht, rechtfertig nichts und urteilt niemals. Es gibt keinen moralischen Zeigefinger, keine höheren Ideale, die verfolgt werden.
Es gibt nur Menschen, welche eine Agenda haben. Diese bilden durch ihre Handlungen und Entscheidungen ein komplexes Geflecht, in welchem sie sich gegenseitig beeinflussen.

"Zum ersten Mal kann sie sehen, was das Leben bedeutet, und ist überwältigt davon. Alle haben einen Platz darin und zusammen ergeben sie ein Muster, das vielleicht das Leben selbst abbildet: ein Netz aus Beziehungen. Wie Spielfiguren in einem Game, das sich Leben nennt." [Kapitel 83]

Auf dem Weg zu diesem radikalen Bild werden alle Grenzen die vermeidlich im Weg stehen kurzerhand aufgelöst. Die Grenzüberschreitung selbst scheint manchmal die einzige wirkliche Agenda des Buches zu sein. Diese Radikalität ist erschütternd. Selbst die offensichtlichen Antagonisten, die übelsten, brutalsten Scheusale, werden niemals benannt, sondern in ihrem Handeln nüchtern, wertfrei und in der vollen Blöße ihres eigenen Leidens dargestellt. Hier schwebt ein Weltbild hinter den Zeilen, welches in jedem Menschen gleichzeitig das Monster und die Heilige sehen kann.
Den Mut muss man erst mal haben.
Doch Aiki Mira geht noch weiter. Natürlich.

Die Auflösungen der Grenzen der Identität gehen Autorx nicht weit genug. Hier strahlt eine weitere der Hauptaussagen des Werkes. Nichts ist festgelegt. Alles ist ein Subjekt immerwährenden Wandels. Wenn nichts jemals festlegbar ist, dann ist Realität am Ende nur eine Frage der Perspektive und auch die allheilige Identität des Selbst verliert ein Recht auf Existenz. Hier überschreitet Autorx die Grenzen der Postmoderne, in der es nur dem Individuum zusteht, sich eine Identität zu geben und jede Einflussnahme von außen nur als Versuch gesehen wird, Macht auszuüben.
In Neongrau ist Identität etwas zutiefst Kontextuelles. Wir sind unterschiedliche Menschen für unterschiedliche Personen und unsere Identität variiert, je nachdem welcher Umgebung wir ausgeliefert sind. Unsere Aufgabe ist es sicherzustellen, dass wir die Wahrheit, die wir in uns finden, verteidigen, wenn die Umgebung versucht uns in einen Rahmen zu zwängen, der uns nicht gerecht wird. Identität wird somit nicht nur durch die Bemühungen des Individuums erschaffen, welches versucht die Wahrheit über sich selbst zu finden, sondern auch durch die Augen der Menschen, die auf uns ruhen und uns eine Rolle zuweisen, im Geflecht der verworrenen Beziehungen, die wir eingehen und welche uns zu dem machen, was wir sind. Löst man in diesem Kontext dann auch gleich alle physischen Grenzen der Körper auf, wird jede Form der Beziehung schnell zu einem echten philosophischen Problem.

"Er beweist, eine physische Form ist überhaupt nicht nötig, solange er kommuniziert ‒ Wörter, Zeichen, Bilder ‒ all das genügt, um zu anderen Menschen Beziehungen aufzubauen." [Kapitel 18]

Identität und Beziehung werden zu etwas Amorphen, ständig im Fluss befindlichen als Teil einer Realität, die ebenfalls kontextuell und abhängig von der Position des Betrachters ist. Man ist geneigt zu vermuten, dass Aiki Mira als nächstes die Grenzen des Schreibens selbst angeht, die Bedeutung der Sprache an sich hinterfragt und sich die Worte auf der Seite einfach auflösen.
Doch radikale Freiheit ist nicht ohne Probleme.
Beim Lesen wird schnell deutlich, dass man auf der Suche nach einer strahlenden Held:in allein gelassen wird. Es gibt keine übergeordnete ethische Leitlinie, denn die vollkommene Abwesenheit einer höchsten Wahrheit, welche den Menschen eine Orientierung gibt, ist ein fundamentales postmodernes Dogma. An wem sollte diese Ethik auch greifen, denn dem Zwang zur Überwindung aller Grenzen fiel ja auch das Individuum zum Opfer. Vor dem Augen des Lesers transformiert sich die Menschheit zu einem formlosen Masse gleichwertig interagierenden Aktionsknoten in einem anonymen Netzwerk. Das ist wahlweise erschreckend oder tröstlich, je nachdem wie man es sehen will.

"GO kennt keine Helden. Alle Steine sind gleichwertig und arbeiten zusammen wie die Atome eines lebendigen Körpers." [Kapitel 65]

Die enorme Diversität der Welt, in ihren technischen Möglichkeiten, unterstützt dies ausdrücklich, denn virtuelle Fluchträume und drogendurchtränkte Sinneswahrnehmungen erlauben den Individuen zahllose weit entfernte Inseln zu schaffen, auf denen sie sich voneinander immer weiter entfernen können.
Es drängt sich der Eindruck auf, dass Menschen einander überhaupt nicht begegnen können und es immer ein unvollständiges Erleben und Passieren sich inhärent fremder Wesen ist, die für eine Zeitlang nebeneinander im Zeitstrom treiben, jedoch für immer verflucht sind getrennt zu werden, weil das Naturgesetz der ständigen Veränderungen sie wieder auseinandertreibt.

"Go ist kein Zustand, sondern dauernde Bewegung." [Kapitel 54]

Doch wenn eine Protagonist:in versucht sich in einer Welt zu orientieren, in der nichts mehr fix ist, alles im Fluss und nichts real, warum überhaupt agieren, wenn man sowieso keine Kontrolle hat, warum dann Beziehungen eingehen?

"Ob es uns gefällt oder nicht ‒ ob wir es wissen oder nicht ‒, wir alle sind bloß Bots. Wir haben überhaupt nichts im Griff" [Kapitel 15]

Zu den Kollateralschäden dieser radikalen Philosophie gehört ein Verlust von Empathie und mit ihr auch von Solidarität. Opfer werden die traditionellen Bindungen und jedes allgemein empfundene Gemeinschaftsgefühl. Dem gegenüber steht eine fast schon zwanghaft anmutenden Fragmentierung der Gesellschaft in eine Vielzahl von Gruppen und Individuen, deren Erleben der Welt so weit auseinander gehen, dass man nicht nur miteinander widersprechende Denk- und Verhaltensweisen produziert, sondern manchmal das Gefühl hat die handelnden Personen entsprängen verschiedenen Spezies.

"Eure Generation erscheint mir so fremd, dass ich nicht einmal glaube, du und ich sprechen noch die gleiche Sprache. Wir tun nur so. In Wirklichkeit gehört ihr junge Menschen bereits zu einer anderen Spezies." [Kapitel 52]

Wenn jede menschliche Interaktion nur dazu dient Macht über jemanden auszuüben und es keinerlei moralisches Leitlicht gibt, spiritueller Art oder religiöser Art, warum dann überhaupt morgens aufstehen? Wenn es kein ultimativ Gutes gibt, warum dann überhaupt noch nach etwas suchen?
Besteht nicht die Gefahr sich im Zelebrieren des individuellen Gebrochenen zu verlieren, da das Schreiben auf der Ebene individuellen Leidens stehen bleiben muss? Um das Gebrochene zu transzendieren, bedarf es einer moralischen Vision. Einer ultimativen Wahrheit, welche es jedoch per definitionem nicht geben darf. Die Gefahr besteht darin, dass die Leser:innen einsam und kalt zurückbleiben und sich nach der Wärme sehnen, die aus Liebe entsteht, welche mehr ist als nur Macht über den anderen. Der Leser bekommt lediglich das Versprechen nach Veränderung aber keine Hoffnung. Hoffnung ist etwas Religiöses. Die Lerser:innen werden mit dem rohen Erleben der Charaktere konfrontiert und dann damit allein gelassen.

"Ach, Tayo, das Leben ist doch nichts anderes als eine hochaggressive Form von Malware …!" [Kapitel 50]

Die Welt bietet keine Rettung und es gibt keinen Ort, zu dem hin man sich orientieren kann, denn in Abwesenheit einer höchsten Wahrheit gibt es auch kein hehres Ziel. Zurück bleiben ein kaltes, existenzialistisches Universum und die Frage, warum man sich all diesem Leid als Leser:in ausgesetzt hat.

"Die Welt ist nämlich ein furchtbares Loch. – Eine Dunkelheit vollgestopft mit Illusionen." [Kapitel 59]

Ohne moralische Ziele droht ein endloser Kreis aus einer gebrochenen Gesellschaft, welche gebrochene Menschen hervorbringt, welche nicht anders können als Dinge zu zerbrechen, um am Ende nichts daraus zu lernen, und so die Gesellschaft auf einen neuen Level der Gebrochenheit zu heben. Denn der Leidende kann ja nicht wachsen, denn inneres Wachstum ist ein ethisches Konzept. Ich kann nur ein bessere Mensch werden, wenn mir jemand eine Skala gibt, auf der ich mich orientieren kann und eine Skala hat immer ein oberes Ende. Es bleibt ein Nachgeschmack von dunklem Determinismus.

"Das war der Moment, in dem Go verstand, was auf-die-Welt-kommen tatsächlich bedeutet: in einem vorprogrammierten Game aufzutauchen." [Kapitel 6]

Ich war geneigt dies als Kritik stehen zu lassen, doch hier ist ein Problem, dass ich selbst nicht lösen kann:
Lässt man seine Held:innen im Rahmen einer höheren Ethik als Verterterin:innen eines idealisierten Heldentums agieren, schafft man oft sehr eindimensionale Charaktere, welche verflucht scheinen die Ansprüche einer höheren Agenda zu erfüllen, anstatt reflektierte und kritische Individuen zu sein. Aiki Miras Charaktere sind in ihrer ethisch ungeleiteten und durch ihr intimes Leiden ungeschönten Rohheit überzeugender als sie sein sollten.
Wie auch immer Autorx es schafft. Dieses Schreiben erzeugt Charaktere, die mich weit mehr überzeugen als die Held:innen in Werken, welche versuchen ihre Protagonist:innen als Repräsentanten des Guten das Böse besiegen zu lassen. Aiki Miras Charaktere sind in ihrem Leid und der eingebauten moralischen Orientierungslosigkeit realer und authentischer als alle Standard-Versionen langweiliger waffenschwingender Held:innen.

Neongrau ist ein hervorragender Roman und ein wegweisendes Buch. In seinem unbedingten Anspruch die Sinnhaftigkeit jeder Grenze in Frage zu stellen, dem radikalen Verlangen nach Freiheit und mit der enormen Intensität der Charakterbeschreibungen ist es mehr als nur eine Bibel postmodernen Denkens. Es hisst auch die Flagge radikaler und visionärer Queerness so hoch, dass man fast ein Fernglas braucht, um den Regenbogen noch zu sehen. Es ist ein wichtiges Buch und dank des Settings, welches sich dicht an die Science-Fiction und dem Cyberpunk lehnt, kann sich die deutsche Science-Fiction-Community glücklich schätzen ein Autorx dieses Kalibers unter sich zu haben. Die bloße Vorstellung das Aiki Mira mit jedem weiteren Buch besser werden könnte hat etwas zutiefst Einschüchterndes.

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