Aus der Stille vor dem Roman (Teil 2)

Im Folgenden gebe ich Einblicke in den Entstehungsprozess meines Romans Stille zwischen den Sternen und beleuchte die Fragen und Überlegungen, welche den Charakteren und Motiven voraus gingen. Spoiler sind dabei nicht zu vermeiden.


Spoilerwarnung


Die beiden Protagonistinnen verbindet eine tiefe emotionale Bindung, deren exakte Qualität bewusst offenbleibt. Es entwickelte sich Raum für vielfältige Möglichkeiten der Deutung, doch Details zu beleuchten erschien mir nicht zielführend. Es bedurfte einer engen, fast symbiotischen Beziehung mit offenen, stark verschlüsselten Qualitäten, wenn es doch einmal konkret werden sollte. Dieser Ansatz spiegelt sich bis in die Details der Sprache zwischen den beiden.

So nennt Jane Hien beispielsweise immer Mimei. Die Silben allein geben jedoch keinen wirklichen Aufschluss über die Bedeutung des Namens, weil nicht klar wird aus welcher Sprache er kommt. Benutzt man japanische Kanjis, dann wäre eine mögliche Schreibweise: 美明. Die beiden Zeichen bedeuten Schönheit und strahlend, im Sinne von strahlendem Licht. Wie passend. Benutzt man chinesische Schriftzeichen, dann wäre die Schreibweise: 迷妹. Das zweite Zeichen für kleine Schwester signalisiert, dass es sich hier um einen weiblichen Kosenamen handelt. Das erste Zeichen bedeutet: Verloren, verwirrend, im Sinne von Undurchschaubar. Eine mysteriöse Frauengestalt. Ich habe die Vermutung, dass Jane diese Schreibweise bevorzugt.

Nachdem ich auf dieser Weise meine beiden Damen erfolgreich etabliert hatte, stand ich direkt vor dem nächsten Problem.

Zwei in der Stille des Universums tanzende Damen die hauptsächlich miteinander beschäftigt sind, brauchten eine Erdung, um die Handlung im Hier und Jetzt und vor allem in der Science-Fiction zu halten. Für eine reine SciFi-Romantik fühlte ich mich bei weitem nicht kompetent genug.

Es drängte sich also ein männlicher Pseudo-Antagonist auf. Ein großer Mann, jedoch nicht einschüchternd und tief im Innern genauso gebrochen, wie die Protagonistinnen. Jemand, der auf der gleichen Suche ist, wie sie, damit es eine Grundlage für Rapport gibt, jedoch felsenfest in einem mechanistischen Weltbild verankert. Ein Mann der Fakten und der Formeln. Kein schlechter Mensch, hochkompetent, jedoch immer leicht herablassend. Mir sprang sofort ein Bild vor mein inneres Auge und so ist der Charakter des Lieutenant-Colonel Charles Emrys Wilson III an Major Charles Emerson-Winchester III, aus der Sitcom MASH angelehnt, gespielt von dem wundervollen und leider 2018 verstorbenen David Ogden Stiers. Auch er trug in der Serie oft einen rot karierten Pyjama mit passendem Morgenmantel.

Seine Rolle würde es sein, die Handlung immer wieder in die Praxis zu holen und dabei durch seine Arroganz und elitäre Sprache zahlreiche Möglichkeiten für Streit und comedic relief zu ermöglichen.

Nun hatte ich zwei Damen auf der Suche nach Sinn und einen traditionellen Wissenschaftler als Vertreter der Science-Fiction.

Ich liebe es in meinen Geschichten mechanistischen Realismus und Spiritualität gegenüberzustellen. An dieser Stelle muss ich jedoch sehr aufpassen, denn es ist ein Grat, welcher in der Science-Fiction sehr schmal sein kann. Wird man zu hardcore wissenschaftlich, verliert man Leser, welche keinen Abschluss in Physik haben. Behandelt man aber den Science-Aspekt scheinbar zu respektlos, verärgert man die Tech-Nerds. Meine Lösung ist meistens Ironie. Ich versuche möglichst entspannt zu bleiben und jeden technologischen Aspekt umso heiterer und selbstironischer darzustellen, je weniger ich ihn tatsächlich mit Inhalt füllen kann. Meine Bücher sollen auch nie hardcore Science-Fiction werden. Ich benutze gerne SciFi-Settings, doch am Ende sind es Entwicklungsromane. Dabei ist die quantenverschränkte Bewusstseinsmatrix zwar Teil der Handlung, doch in der Regel macht sich in der gleichen Szene zügig jemand über den hoffnungslosen Versuch lustig physikalische Label für etwas Unbeschreibliches zu benutzen. Mir sind die Entwicklungen der Protagonisten viel wichtiger, denn ihre Sorgen und Bestrebungen transportieren die Handlung, nicht der Gravitationsmotor.

Meine drei Protagonisten schickte ich nun in die extremste Umgebung die man sich vorstellen kann. Eine Welt, in welcher normale Menschen niemals überleben könnten.

Normalerweise würde man diese Beschreibung mit Bedrohungen und Schlachten verbinden, mit Militär und Waffen. Doch die beiden Protagonistinnen sind auf der Suche nach Sinn und einen tieferen Sinn findet man nicht in Schlachten, auch wenn die meisten Regierungen diese Ansicht nicht zu teilen scheinen. Ich wollte sie in eine viel schwierigere Umgebung schicken. Eine die schwerer zu ertragen und fast unmöglich zu durchdringen ist. Ich schickte sie in die Stille.

Stille ist absolut essenziell für mich. Ich bin hochsensibel, introvertiert und extrem leicht überfordert, wenn zu viel Input auf mich einflutet. Darüber hinaus lehrt der Buddhismus, dass es keine tiefere Einsicht und Erkenntnis ohne Stille geben kann. Bedenkt man, dass wir in einer Zeit angekommen sind, in der nur extreme Lautstärke in sozialen Medien mit der erhofften Aufmerksamkeit belohnt wird, war es mir ein Bedürfnis Stille zu einem Hauptmotiv zu machen. Einen technisch hochgerüsteten Menschen in die tiefste Stille zu schicken, welche wir kennen, erschien mir einleuchtend und vernünftig. Außerdem war es mir ein Anliegen zumindest den Versuch zu unternehmen eine Geschichte im Weltraum zu erzählen in welcher die Lösung nicht mit Waffen erkämpft werden kann und es keine heroischen Entscheidungen gibt, welche am Ende mit wehenden Fahnen und einer Fliegerstaffel gefeiert werden. Ich lese seit über dreißig Jahren Science-Fiction und bin der klassischen Motive in ihren stereotypischen Verkörperungen ein wenig müde.

Durch den Fokus auf eine Suche nach Sinn in der Stille hat sich die grundlegende These des Romans ganz von selbst ergeben. Auch hier gab es für mich kaum eine Wahl.

Nicht nur wird uns ein extremer Transhumanismus nichts bringen, er wird die tatsächlichen Probleme einer inneren Suche lediglich akzentuieren und unsere Reise umso schwerer machen. Möglicherweise jedoch können wir deswegen dann auch mehr finden. Auf dem Weg dahin habe ich die Gelegenheit genutzt möglichst viel Verwirrung zu stiften, wenn es um die Frage ging, was es eigentlich bedeutet menschlich zu sein.

Zum Schluss musste ich dann wieder erleben, dass es am Ende immer die Protagonisten selbst sind, welche über den Ausgang ihrer Geschichten entscheiden. Plötzlich gab es eine Wendung zum Religiösen, welche für mich so sehr aus dem Nichts kam, dass ich immer noch nicht sicher bin, was sie eigentlich bedeutet. Aber ich begrüße jede Wendung ins Spirituelle, auch wenn es die Fans der klassischen Science-Fiction manchmal verärgert. Unverständliches wird in unseren Köpfen gerne metaphysisch, und warum sollte es einer KI nicht passieren, immerhin will sie menschlicher werden und was wäre menschlicher als das vollkommen Unbegreifliche ins Religiöse zu abstrahieren.

Dieser Einbruch des Mystischen, ja des Fantastischen in den Bereich der Science-Fiction ist etwas, was ich immer rundweg begrüße, wenn es auch nicht jedem gefällt. Ich glaube es ist ein notwendiger Schritt, wenn wir das Genre der Science-Fiction erneuern wollen, und ich bin weiß Gott nicht der Erste, der sich diese Gedanken macht. Jeff VanderMeer einer der bekannteste Vertreter der Weird Fiction sagte einmal in einem Interview, dass uns eine realistische Sicht auf die Welt nirgendwo mehr hinbringt.

Seine Lösungsvorschlag ist auch der meine, wenn er sagt:

„Der Surrealismus und die Fantasie, die die Science-Fiction durchdringen, sind die Quellen, auf die ich zurückgreife, um über diese Themen nachzudenken.“

Diese Verbindung zwischen den Genres ist der Ort, wo ich meine Geschichten platziere und je verirrender und seltsamer sie sind desto eher repräsentiert dies für mich das Universum, in welchem wir sowieso leben.

Mein liebstes Symbol für diese Grenze sind Blumen.

Deswegen entfaltet sich am Schluss in der Stille des Alls lautlos eine Blume aus Licht, welche mit strahlenden Fäden fortwährend neue und unendlich komplexe Muster in die Nacht zeichnet. Eine Verbindung aus unendlich komplexen mit mystischer Schönheit, welche wir problemlos akzeptieren. Die gleiche Blume aus Licht hat sich auch schon in meinem Episodenroman Die Offenbarung des Uhrwerks entfaltet, wenn auch mit einem vollkommen anderen Hintergrund. In meinem nächsten Roman Wo beginnt die Nacht wird sie sich ebenfalls wieder entfalten. Auch dort in einem komplett unterschiedlichen Zusammenhang. Blumen sind das verbindende Motiv vieler meiner Geschichten. Die Protagonisten tragen sie gewissermaßen mit sich. Irgendwann finde ich vielleicht auch heraus, warum das so ist. Bis dahin versuche ich mich den Anforderungen der Protagonisten zu stellen und mache dabei die Erfahrung, dass diese von Buch zu Buch höher werden. Das ist etwas auf das einen niemand vorbereitet, wenn man das erste Buch plant. Zum Glück kann ich mir einreden, dass ich hier ja nur Geschichten aufschreibe.

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