Beginning hook

Der Beginning hook, oder Narrative hook, ist eine literarische Technik, die beim Schreiben von Romanen verwendet wird. Die beste Übersetzung, welche ich für das Deutsche gefunden habe, ist Interesantes Ereignis, oder das Auslösende Ereignis. Wie uns der Name bereits verrät, handelt es sich beim Beginning hook um das Allererste, was dem Leser im Roman begegnet und er findet es dementsprechend immer auf den ersten Seiten.

Oberflächlich hat dieses Element den Zweck den Leser beim Kragen zu packen und ihn in die Geschichte hineinzuziehen. Es soll ihn (auch gegen seine Intention) interessieren und sicherzustellen, dass er fasziniert weiterliest und natürlich am Ende das Buch kauft. Zu diesem Zweck sind diese initialen Ereignisse gerne wahlweise spektakulär, absonderlich oder emotional stark vereinnahmend gebaut.

Je nach Buch ist diese Technik nicht wirklich überraschend. In bestimmten Genres ist der Beginning hook sowieso eine Pflichtszene. In Kriminalromanen, vom Typ Murder Mystery, etwa muss am Anfang zwingend die Leiche entdeckt werden. So zu finden in praktisch jedem Agatha Christie Roman. Fun Fact: In den paar, in denen die Autorin das nicht macht, fühlt man sich als Leser direkt unwohl, weil man die ganze Zeit denkt: Wann geht’s denn nun endlich los? Daran merkt man, dass der Leser, meist ohne es zu wissen, eine starke, unbewusste Erwartungshaltung an das Genre hat. Er möchte in einem Roman so schnell wie möglich darüber orientiert werden, wo er ist, worum es geht und auf was er sich einrichten muss.

Deswegen geht der Sinn des Beginning hook weit über eine initiale Erzeugung von Spannung hinaus. Eine viel wichtigere Aufgabe ist es ein übergreifendes Thema für das Buch zu etablieren und dabei den Ton des gesamten Buches zu definieren. Das funktioniert, wie ein initiales Versprechen an den Leser, welches dann auch eingehalten werden muss.

Ein schönes Beispiel dafür sind James Bond Filme, denn sie beginnen alle gleich. Der Held wird in gefahrvoller Aktion gezeigt und er beendet seinen Einsatz schnell und professionell, auf möglichst beeindruckende Weise; in den alten Filmen meist mit einer zusätzlichen Präsentation der coolen Gelassenheit eines kultivierten, britischen Gentleman.

Der Zuschauer bekommt die Versicherung, dass egal wie tief der Mist sein wird, in dem der Held im weiteren Verlauf des Films versinkt, man möge bitte nicht vergessen, dass alles gut sein wird, denn seht nur, wie toll und überlegen er ist.

Leider wissen die wenigsten jungen Autoren, wie wichtig der Beginning hook ist. Er wird gerne einfach weggelassen, oder wenn der Autor gehört hat, dass es diese Szene geben sollte, trifft er oft die unglückliche Entscheidung eine spätere Actionszene vom hinteren Ende des Buches als Preview nach vorne zu zerren. Im Fall eines der leider so beliebten Plagiate auf das Thema Jugendliche:r entdeckt, dass er/sie zaubern kann, Führt das schnell zu einer absurden Dichotomie zwischen einem mörderischen Kampf gegen einen Drachen in Szene eins und dem Protagonisten, der sich in der Schule im Matheunterricht langweilt, in Szene zwei. Dieses Konstrukt schafft es leider den Leser nur umso effektiver abzuschrecken.

Wo wir schon davon reden, lohnt es sich einmal zu schauen, wie der erste Teil von Harry Potter tatsächlich beginnt.

(Nebenbei: Das ist per se eine gute Idee, da es sich bei Harry Potter um ein strukturelles Meisterwerk handelt, welches von der Autorin bis in die dritte Stelle hinter dem Komma durchgeplant wurde. In diesem Buch wird absolut nichts dem Zufall überlassen, bis runter zur Anzahl der Wörter pro Szene. Lasst euch nichts erzählen, die Autorin wusste ganz genau, was sie tat.)

In Harry Potter scheint sich die Autorin, was den Beginning hook betrifft, erst einmal eine unlösbare Aufgabe gestellt zu haben. Sie wollte den Kontrast zur späteren Zauberschule so stark wie möglich machen, weswegen das Leben des Protagonisten unter den Muggels zu Beginn extra langweilig und abstoßend dargestellt wird.

Das ist natürlich ein Problem. Wie kann man in einem solchen Szenario einen Beginning hook schreiben, wenn doch jede Erwähnung von Zauberei dem Protagonisten gegenüber einem massiven Spoiler gleichkommt und einem auch gleich die Dramaturgie versaut?

Die Lösung ist ebenso einfach, wie elegant.

Es dauert nur eine Seite, bis wir zwei der späteren Sympathieträger nachts vor dem Haus des Protagonisten treffen, wo sie die aus dem Nichts erscheinen und sich verwandeln, allerlei spannende Zauberei demonstrieren und ganz nebenbei über einen Fluch reden, der über dem Protagonisten hängt. Das Ganze passt absolut wundervoll, führt Schlüsselpersonen ein, setzt einen passenden Ton und zeigt, dass ein guter Beginning hook nicht einmal spektakulär sein muss, um zu funktionieren.

Aus einem guten Beginning hook heraus wird sich das Geschehen des Buches ganz natürlich weiterentwickeln, ohne dass der Leser gezwungen ist sich an die absonderlichen Ereignisse des Anfangs zu erinnern, während sich das Buch durch seine langsamen ersten Szenen kämpft.

Es ist erwähnenswert, dass die meisten Werke des sogenannten höheren literarischen Schaffens auf einen Beginning hook verzichten. Das ist einer der Gründe, warum Leser die Meisterwerke der Weltliteratur oft von der ersten Seiten an als langweilig empfinden, denn es passiert ja offensichtlich nichts, was den Leser fesseln soll. Viele literarische Autoren kompensieren an dieser Stelle gerne, indem sie einen besonders elegant gebauten ersten Satz benutzen.

Zum Thema erste Sätze hatte ich hier schon mal etwas geschrieben.

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