Die Sprache elektrischer Engel

PicsArt_04-09-03.31.01
© Foto 2020 jacqueline-droullier.de

Hier gebe ich tiefere Einblicke in Hintergründe und Bedeutungen verschiedener Motive in meinem Roman Die Sprache der Blumen. Spoiler lassen sich dabei nicht vermeiden.

— Spoilerwarnung —

In meinem ersten Buch Der elektrische Engel, findet sich die Episode Das Feuer der Götter. Diese Kurzgeschichte entstand für eine Ausschreibung, in der ein Mensch allein in einem grünen Haus am See im Exil leben sollte. Dieses Gefühl der Einsamkeit sollte Thema sein. Das mit der Einsamkeit habe ich auch noch hinbekommen, aber von da an sprang mir die Geschichte voll aus dem Gleis. Am Ende stand ich da mit einem etwas ungewöhnlichen Protagonisten. Einer ins Exil verbannten, wahnsinnigen künstlichen Intelligenz mit Allmachtsfantasien, die in einem virtuellen Gefängnis für alle Ewigkeiten eingesperrt war.

Das war noch nicht einmal das Schlimmste. Das eigentliche Problem war, dass es mich äußerst unruhig zurückließ, denn ich hatte nicht den Eindruck, dass die Geschichte schon zu Ende erzählt war. Eine unsterbliche Intelligenz, die ständig dazulernt kann kaum bis zum Ende aller Zeiten eingesperrt bleiben. Es erinnerte mich an das legendäre Gedicht von H.P. Lovecraft.

Denn es ist nicht tot, was ewig liegt,
bis dass die Zeit den Tod besiegt.
[Cthulhus Ruf]

Wie also würde die Geschichte weitergehen? Nun, irgendwann würde sich die wahnsinnige Intelligenz einen Weg aus ihrem Gefängnis bahnen und dann wahrscheinlich die Welt in Schutt und Asche legen, im schönsten Sinne der Offenbarung.

Dies irae, dies illa solvet saeclum in favilla.
(An jenem Tag des Zorns wird die Welt in Asche fallen.)

Und was dann?

Wie geht die Geschichte weiter?

Ein solches Ende wäre logisch, jedoch völlig unbefriedigend für einen Schriftsteller. Die Intelligenz, jetzt zum absolut Bösen Antagonisten befördert, hätte ihre Zerstörungswut ausgelebt, aber die letzte Konfrontation, das finale Zusammentreffen mit der einen Person, für deren Verrat sich zu rächen die Intelligenz all die Bürden der Gefangenschaft auf sich genommen hat, ist nicht mehr möglich. Seine Schöpferin, ein sterbliches Wesen, wird die Welt zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon seit Jahrhunderten verlassen haben.

Darüber habe ich lange nachgedacht. Irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass eine Intelligenz, brillant und wahnsinnig, doch bestimmt viel mehr kann, als nur zerstören. Die Frage ist, wann kommt sie dahinter? Irgendwann muss es doch langweilig werden böse zu sein. Hier begann eine Idee in mir zu reifen, die zum Kernthema eines Buches werden sollte.

Wieviel Zeit muss vergehen, damit Begriffe wie absolutes Böse jede Bedeutung verlieren? Wie lange muss ich warten, bis etwas, das zutiefst Böse ist, aus purer Langeweile und Verzweiflung wieder gut wird? Macht das überhaupt Sinn? Ist es vielleicht sogar eine Notwendigkeit, weil Gegenpole immer wieder aufeinander treffen müssen, um nicht ihre Definition zu verlieren. Aber wann treffen sie wieder aufeinander?

Wie lange dauert es, bis die beiden ältesten Gegenpole unserer narrativen Strukturen, das Gebärende und das Zerstörende, wieder voreinander stehen?

Und wie sieht dieses Zusammentreffen aus?

Mir war sehr schnell klar, dass dies nur funktionieren würde, wenn die Rahmenbedingungen vollkommen absurd und irreführend wären. In einem vollständig codierten, unverständlichen Bedeutungskontext.

Ich forschte also lange nach einer Antwort auf die Frage: Was ist der absurdeste Kontext, in dem diese beiden Protagonisten wieder aufeinandertreffen können und wie schaffen sie es miteinander zu interagieren, ohne einander auch nur im Mindesten zu verstehen? Der Schlüssel musste also Sprache sein. Ein absurder sprachlicher Kontext, der überhaupt nicht in die bisherigen Science-Fiction Grundmotive passt.

Von hier an war es nicht mehr weit, und die Grundlage zu meinem neuen Roman: Die Sprache der Blumen war geboren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s