Der Ruf und der Widerstand

Jeder Künstler kennt den Ruf. Es ist der Ruf vor die Leinwand zu treten oder sich vor die leere Seite zu setzen. Wenn der Künstler den Ruf bekommt ist das wahlweise ein Fluch oder ein Segen, denn jeder Künstler reagiert unterschiedlich darauf. Manche entfalten ohne jede Hemmung ihr Innerstes auf einer Seite nach der anderen. Andere sehen die leeren Flächen und brechen in Panik aus.

Niemand weiß woher der Ruf kommt. Fragt man die Christen, dann sind wir von Gott nach seinem Bild erschaffen worden und somit auch selbst Schöpfer. Nicht jeder kann mit so einer Verantwortung gleich gut umgehen. Ich bin immer wieder tief beeindruckt von den Extremen, zu denen Künstler bereit sind zu gehen, um nicht vor die leere Fläche treten zu müssen.
Ich kenne begnadete Musiker, die sich tief in einem kaputten Leben verstecken, um ihr Instrument nicht sehen zu müssen, und begnadete Autoren, die sich hinter einer seelenraubenden Karriere verstecken, aus Angst vor der leeren Seite.
Deswegen habe ich den allergrößten Respekt vor Künstlern, die zu sich und ihrem Können stehen. Mir fällt das auch nicht leicht. (s. Wann ist man ein Autor?)

Seltsamerweise versteht jeder Künstler, der diesen Namen verdient, dass sein tatsächlicher Beitrag zu seinem Schaffen eher übersichtlich ist. Steht man schlussendlich vor dem vollendeten Werk, kann der Künstler von allen Leuten am wenigsten erklären woher sein Werk eigentlich stammt. Universum, Gott, höheres Selbst, Dao? Es ist eigentlich egal, das künstlerische Ergebnis ist das Gleiche.

Hier ist ein Punkt, den ich interessant finde: Wenn man sowieso schockierend wenig Einfluss auf sein Werk hat, dann sollte man dem schöpferischen Prozess eigentlich wesentlich entspannter entgegensehen können, nicht wahr?
Das ist aber nicht der Fall. Im Zuge des Schaffensprozesses glauben wir fortwährend vor unseren eigenen Augen zu versagen. Was unsere Hilflosigkeit gegen den Widerstand angeht, geben wir uns nämlich trotzdem selbst die Schuld. Aber wenn der Ruf, die Eingebung, und das Ergebnis scheinbar höheren Gewalten unterliegen, dann sollten es die Widerstände doch auch.

Das klingt erst einmal ernüchternd, ist aber eigentlich eine gute Nachricht. Wenn der Widerstand gegen das Schöpferische universale Natur hat, dann sind wir auch nicht fortwährend schuld, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, in dem wir unseren Charakter oder unsere unvollkommene Persönlichkeitsstruktur regelmäßig zur Verantwortung ziehen wollen, wenn das nächste Kapitel einfach nicht fertig werden will. Es befreit uns nicht von unserer Verantwortung, erlaubt uns aber einen wichtigen Perspektivenwechsel.

Vielleicht können wir aufhören uns in einem fort unter Druck zu setzen, und stattdessen damit beginnen Strategien zu entwickeln, wie wir im Angesicht des Widerstandes produktiv bleiben können.
Wir müssen lediglich praktische Methoden finden, um mit dem Widerstand umzugehen. Dankbarerweise brauchen wir dazu das Rad nicht neu zu erfinden.

Die beste Erklärung zum Thema Widerstand gegen die eigene schöpferische Arbeit habe ich bei dem Autor Steven Pressfield gefunden. Sein Werk The War of Art ist im englischsprachigen Raum ein Bestseller. Es wurde sogar ins Deutsche übersetzt, aber das Buch ist meines Wissens nach vergriffen. Für mich ist es ein absolutes Muss für jeden Autor, denn Pressfield war selbst jahrzehntelang Opfer dieses Wiederstandes und versteht wie kein zweiter, wovon er redet.

Wem Pressfield zu theoretisch daherkommt (oder zu Englisch), dem kann ich ein weiteres, wundervolles Buch ans Herz legen.
Der Weg des Künstlers von Julia Cameron. Hier findet sich auch praktische Anleitung, wie man den Weg in eine produktive Kreativität findet. Camerons Lösung dazu sind ihre berühmten Morgenseiten. Ich habe es selbst lange praktiziert und kann mit absoluter Sicherheit verkünden, dass ich nichts gefunden habe, was purer Magie so nahekommt, wie die Praxis der Morgenseiten. Ich war nie produktiver, als zu dieser Zeit.
Man muss dazu auch nicht gleich das ganze Buch kaufen. Julia Camerons Morgenseiten haben sich in den letzten zehn Jahren herumgeschwiegen und man findet in der Bloggerspähre zahllose Beiträge, welche die Praxis erklären.

Die bloße Existenz dieser wundervollen Bücher betont meine zugrundeliegende Botschaft: Wir sind viel weniger willkürlichen Kräften ausgeliefert, die scheinbar zufallsverteilt über unsere Kreativität richten, als wir uns selbst glauben machen wollen.
Meine Erfahrung ist, dass vieles davon, was wir so gerne externen Einflüssen zusprechen, schlicht von unserer eigenen Hand generiert wird. Die meisten Autoren, die sich bei mir beklagen, dass sie keine Zeit haben zu schreiben, sehe ich ebenso vehement daran arbeiten immerzu neue Widerstände zu generieren, um sich unbewusst vom schöpferischen Prozess abzuschneiden.

Wir machen es uns selbst so unglaublich schwer.
Die wichtige Lektion ist, dass vieles von dem was wir brauchen, um kreativ sein zu können lernbar ist. Es sind Kompetenzen. Niemand muss vor seiner leeren Seite sitzen und auf Inspiration warten. Wie ich nicht müde werde zu betonen: Schreiben ist ein Handwerk. Man kann es lernen. Inspiration und Talent sind durchaus an dem Prozess beteiligt, aber sie füllen das Leben eines Schriftstellers zu einem erstaunlich geringen Anteil. Neunzig Prozent des Alltags eines Autors sind Disziplin. Um Stephen King zu zitieren: „Talent ist billiger als Tafelsalz. Was das talentierte Individuum vom Erfolgreichen trennt, ist eine Menge harter Arbeit.“

Ein Kommentar zu „Der Ruf und der Widerstand

  1. „Das Geweb ist satanisch fein.“

    Das schrieb Friedrich Schiller in „Kabale und Liebe“. Denkt man, das ist aber zum vorliegenden Beitrag des EE weit hergeholt, möchte ich den Bogen kurz spannen und das „Ränkespiel“ und die Liebe in und auf unsere Körper projizieren, in Bezug auf das literarische Schreiben.
    Wir sind mit jedem Quadratzentimeter unseres Körpers selbst dafür verantwortlich. Ich sehe das genauso: „Neunzig Prozent des Alltags eines Autors sind Disziplin.“ Die große Frage ist, wie weit wir diesen staubverdreckten Filter, mit diesem ätzenden Sand und den verführerischen Medusen , den lüsternen Geräuschen und verschlissenen Projektionen an uns heranlassen. Wie weit greift die Ablenkung in unser Tun. Wie viel wollen wir, und was? Wie weit würden wir gehen, um es zu erreichen, und die große Frage am Schluss: ziehen wir uns das Jäckchen der Unmoral auf diesen windgepeitschten Wegen an?
    Streifen wir uns das letzte über, besteht die Chance auf schnelle Berühmtheit.
    Tun wir das nicht, besteht diese Chance auch, nur wird es ein wenig länger dauern. Und um Weiten härter werden.
    Diese Ränkespielchen spielen wir mit uns selbst. Die Ausrede von der Schreibblokate ist einfach zu fade. Zumal das Handy neben dem Stift oder dem Computer liegt, das Telefon klingelt, die Wäsche im Korb wartet, man noch was zu erledigen hat … Man hat nur eine Sache zu erledigen: Schreiben. Nach dem unvermeidlichen Geldverdienen – kommt das Schreiben. Und wenn man ein Werk geschafft hat, kommen die teuflischen Protagonisten der Ränkespiele erneut zum Zug: Ist das gut genug?
    Fragt man sich das, heißt es hinsetzen. Stuhl ran. Schreiben. Verbessern. Erneuern. Anzweifeln. Dranbleiben. Und noch mal; dranbleiben.
    Wer will das? Wenn man das elfte Mal den kompletten Text durchgearbeitet hat, und das elfte Mal Fehler sichtbar werden, die vorher doch irgendwie gar nicht da waren. Wenn man nach einer Woche denkt: wie konnten diese Zeilen so banal durch meine Finger rauschen? Fertig wird man nie werden. Aber der Hoffnung auf „nahe dran“ kann man entgegenlaufen. Entegenschreiben. Den eigenen wirren Ränkespielen zum Trotz. Mit Liebe zu sich selbst. Kabale oder Liebe?
    Da möchte ich Marcel Reich-Ranicki zitieren: „Doch wer weiß, ob nicht klüger als alle, die immer wieder für das Herz oder den Geist plädierten, unser Fontane war, der von dieser Alternative nichts wissen wollte und statt dessen die Synthese empfahl: ,O, lerne denken mit dem Herzen / und fühlen mit dem Geist.'“

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