Der Fluch der Pseudonyme

Es gibt einige sehr gute Gründe ein Pseudonym zu verwenden. Unter den wichtigsten und extremsten wäre zum Beispiel eine mögliche Verfolgung durch politische Gegner, Stalker, oder enthemmte Horden von Fans.

Es gibt jedoch auch profanere Gründe, die immer noch valide sind: Ein Autor, der als Erzieher in einem Kindergarten arbeitet und nebenher Psychothriller schreibt, hat einen guten Grund ein Pseudonym zu benutzen. Oder ich denke an einen Selbstständigen, der sich in seinem Beruf etabliert und über Jahre voll harter Arbeit einen konservativen Kundenstamm aufgebaut hat. Dem möchte er vielleicht nicht seine private Neigung zu erotischer Liebeslyrik auf die Nase binden. Der beste Grund, dem ich jemals begegnet bin, ist, der Sohn von Stephen King zu sein und den ersten eigenen Roman publizieren zu wollen.

Diese Beispiele sind meiner Erfahrung nach leider nicht maßgeblich an der Entscheidung beteiligt ein Pseudonym zu wählen. Neunzig Prozent der Autoren, die ein Pseudonym wählen haben nicht nur keinen guten Grund, sie tun sich auch keinen Gefallen damit.

Pseudonyme sind für einen Verlag aufwändig und nervig. Da jeder Autor seinen zweiten Namen anders gehandhabt wünscht, läuft man fortwährend Gefahr irgendetwas falsch zu machen. Manche Autoren benutzen das Pseudonym nur anstelle des richtigen Namens in der Publikation. Manche verwenden den zweiten Namen ebenfalls in der Korrespondenz, als vollständigen Ersatz. Dazwischen gibt es zahllose Abstufungen, welche den Verleger oder Herausgeber in der Verwaltung terrorisieren.

Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass der Großteil von Pseudonymen von Autoren erdacht wird, die sich noch in den frühen Zwanzigern befinden, aber die gewählten Namen sind in aller Regel, … nun, … hm, … schwierig. Hier ein fiktives Beispiel: Jemand heißt Berthold Wurstmüller, will aber unter Chary a‘la Chonel publizieren. Wie macht man diesem Menschen jetzt klar, dass er sich keinen Gefallen tut?

Zunächst einmal kann ich garantieren, dass ein Name, der mit Anfang Zwanzig gut klingt, das mit Vierzig nicht mehr tut. Ich weiß das aus sicherer Quelle, denn es führt zu Einreichungen – welche die jungen Wortschöpfer nicht sehen, ich aber schon – in denen steht, dass der Autor schon unter seinem Pseudonym bekannt ist, aber jetzt doch lieber unter seinem echten Namen publizieren will. Etablierte Marke zu rebranden ist aber leider die Pest, denn Menschen sind Tiere der Gewohnheit. Ich nenne Twix immer noch Raider und das ist fast dreißig Jahre her.

Seltsamerweise haben ausnahmslos alle Autoren mit fragwürdigen Pseudonymen wirklich interessante reale Namen, die für sich selbst schon ein gutes Alleinstellungskriterium abgeben würden. Ein Name ist natürlich besser, je abgefahrener er ist, immerhin sollen die Leute sich ja daran erinnern.

Das beste und berühmteste Beispiel ist Arnold Schwarzenegger. Dessen Agent hat ihn in den Achtzigern förmlich bekniet seinen Namen zu ändern, weil kein Amerikaner in der Lage wäre das auszusprechen. Das Ergebnis: Ich denke es ist unbestreitbar, dass sehr wenige Menschen, die heutzutage Zugang zu Medien haben nicht wissen, wer Arnold Schwarzenegger ist. Aber nicht nur das, er hat es sogar geschafft seinen Nachnamen als Verb im amerikanischen Englisch zu etablieren.

To schwarzenegger it, bedeutet seinen Namen zu behalten und damit durchkommen, auch wenn er unaussprechlich ist. (Nicht zu verwechseln mit to pull a Schwarzenegger, welches bedeutet ein uneheliches Kind mit einer Hausangestellten zu haben, aber das ist eine andere Geschichte, … da hilft dann auch kein Pseudonym mehr).

Den Berthold Wurstmüllern unter den Autoren würde ich gerne ans Herz legen es einfach zu schwarzeneggern. Denn alles Gejammer über Verwaltung und den körperlichen Schmerz eines richtig üblen Pseudonyms beiseite; es gibt einen wirklich guten, wichtigen, psychologischen Grund:

Als ich vor hundert Jahren meine ersten Blogs zu verschiedenen Themen im Internet veröffentlicht habe, tat ich es stets anonym. Mein Schreiben war nicht gut, es hat niemanden interessiert und viel schlimmer: Ich habe mich dabei noch nicht mal weiterentwickelt. Wie auch, ich musste ja nie für das, was ich da geschrieben hatte geradestehen.

Wer nicht mit seinem Namen für etwas einstehen muss, der hat keinen Grund Verantwortung für das eigene Schreiben zu übernehmen. Wer sich jedoch nicht der Verantwortung stellt, wird Schwierigkeiten haben, ohne diesen Widerstand zu wachsen. Dieses Wachsen im Widerstand ist wichtig, um die eigene Stimme zu finden. Man wird vielleicht irgendeine Stimme finden, auch wenn man sich hinter einem Pseudonym versteckt, aber woher weiß man, dass es die wahre, eigene Stimme ist. Hat der Autor Pech, gelingt es ihm niemals herauszufinden was er eigentlich zu sagen hätte, wenn er gezwungen wäre zu sich selbst zu stehen. Das ist ein Risiko, dass kein Autor bereit sein sollte einzugehen. Auch Berthold Wurstmüller nicht.

 

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