Meisterhafte Exposition

Wer mich kennt, weiß auch um eines meiner wiederkehrenden Mantras: Schreiben ist ein Handwerk und jeder Autor sollte die Meister studieren, wenn er lernen will, wie einer zu schreiben.

Ich möchte an einem Beispiel demonstrieren, was ich damit meine. Der Anfang jeder Geschichte stellt den Autor vor das immer gleiche Problem: Er muss den Leser orientieren, wo die Handlung stattfindet, damit er anfangen kann seine Charaktere agieren zu lassen. Das bedeutet ein gewisses Maß an Exposition und das ist immer gefährlich, denn jeder Satz Exposition bremst die eigentliche Handlung.

Eine beliebte und häufig genutzte Vorgehensweise ist langsam von außen an das Geschehen heran zu zoomen, wie mit einer Kamera. In Filmen wird das sehr oft praktiziert. Man beginnt mit einem Blick auf die Stadt, dann kommt die Straße, es folgt das Café und wir enden am Tisch, wo die Protagonistin gerade Tee trinkt. Jetzt erst setzt die Handlung ein.

Das gibt dem Autor zumindest eine Strategie, hinterlässt ihn jedoch immer noch mit dem gleichen Problem: Wie kann er die Exposition so verpacken, dass der Leser sich nicht schon bei der Beschreibung der Straße langweilt?

Und hier kommen wir zu einem Meister, heute am Beispiel von F. Scott Fitzgerald in einer der bekanntesten Liebesgeschichten der Welt: Der große Gatsby.

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Protagonist seine Ankunft am Haus von Tim Buchanen. Achtet einmal darauf, dass er genau einen Satz über das Haus selbst verliert, bevor er wieder am Strand beginnt und ausgerechnet den Rasen wählt, um diesem bis an das Haus zu folgen:

[…] Ihr Haus war noch prunkvoller, als ich erwartet hatte: ein fröhlicher rot-weißer Herrensitz im georgianischen Kolonialstil mit Blick auf die Bucht.

Der Rasen begann gleich am Strand und lief, Sonnenuhren, Ziegelwege und leuchtende Rabatten überspringend, eine Viertelmeile lang auf das Hauptportal zu – und als er schließlich das Haus erreichte, schob er sich wie vom Schwung seines Laufes angetrieben in hellen Ranken an der Wand empor.  […]

Es folgt eine Beschreibung des Gastgebers, bevor beide das Haus betreten und Fitzgerald eine der besten Szenenbeschreibungen liefert, die ich je gelesen habe. Und wieder verwendet er nur einen einzigen Satz auf den Raum selbst. Achtet darauf, wie er gleich danach das Bild vom Rasen wieder aufgreift, diesmal von der Innenseite des Hauses aus. Der Rasen kann aber nicht tatsächlich mit in das Haus kommen, deswegen übergibt der Rasen im nächsten Satz an den Wind.

[…] Durch einen hohen Hausflur gelangten wir in einen hellen, rosenfarbenen Raum, der durch die Fenstertüren an beiden Enden gerade noch ins Haus eingefügt wirkte.

Die Fenster waren geöffnet und hoben sich strahlend weiß von dem frischen Gras ab, das ein Stück weit ins Haus hereinzuwachsen schien. Durch das Zimmer wehte eine Brise, wehte die Vorhänge wie bleiche Fahnen an einem Ende herein und am anderen hinaus, bauschte sie zum Zuckergussstuck der Zimmerdecke auf und kräuselte sie auf dem weinroten Teppich, wo sie Schatten warfen wie ein Wind auf dem Meer. […]

Fitzgerald benutzt hier tatsächlich den Wind selbst, um den Salon zu beschreiben und schafft es in zwei Sätzen sowohl den Rasen als auch das Meer mit in den Raum zu holen. Danach – und hier setzt das Genie ein – bleibt er im gleichen Bild und überlässt es einfach dem Wind seine Charaktere in die Szene zu tragen.

[…] Der einzig vollkommen unbewegliche Gegenstand im Raum war eine riesige Couch, auf der zwei junge Frauen schwebten wie in einem am Boden verankerten Fesselballon. Beide waren ganz in Weiß, und ihre Kleider bauschten und blähten sich, als seien sie nach einem kurzen Flug ums Haus eben erst wieder hereingeweht worden. […]

Die Exposition endet schließlich abrupt, indem der Autor einen seiner eigenen Protagonisten die Beschreibung mit einem Knall zu Ende bringen lässt. Als würde der Charakter selbst dem Autor sagen: Genug jetzt mit dem lyrischen Unsinn:

[…] Ich muss ein paar Augenblicke lang dagestanden, dem Knattern und Flattern der Vorhänge und dem Ächzen eines Bildes an der Wand gelauscht haben. Da schloss Tom Buchanan mit einem Knall die hinteren Fenster, der im Zimmer gefangene Wind erstarb, und die Vorhänge, die Teppiche und die beiden jungen Frauen sanken langsam zu Boden. […]

Was mich an dieser Szene so fassungslos macht, ist nicht nur die wundervolle lyrische Exposition, die sogar leicht ins Irreale abgleitet, wenn die Frauen am Schluss zu Boden sinken. Was den absoluten Meister verrät, ist das Fitzgeralds es sogar schafft inmitten seiner Exposition seine Charaktere genauer zu zeichnen. Das planlos Flatterhafte, vom Wind umhergetriebene, ohne moralischen Anker und Perspektive ist eine exzellente Beschreibung der beiden jungen Frauen, während der Fensterknaller tatsächlich ein körperlich übermächtiges Alphatier ist, der zum Brutalen und Rücksichtslosen neigt.

Fitzgerald schafft hier in wenigen Absätzen alles auf einmal: Szene beschreiben, Stimmung schaffen, wundervolle lyrische Exposition und Charakterzeichnung. Alles gleichzeitig. Wir enden mit einem schockierend genauen Bild der Situation, ohne dass der Autor viele Worte dafür gebraucht hat.

Es sind Details wie diese, die ein wahres Meisterwerk auszeichnen.

Ein Kommentar zu „Meisterhafte Exposition

  1. Wirklich, ein Thema besonderer Wichtigkeit und echt nicht leicht. Auch wenn es bei den Großen so den Anschein erweckt. Du hast ein sehr gutes Beispiel herausgesucht und hervorragend erklärt. Habe sofort eine meiner Szenen überarbeitet. Danke dafür. Es wird beileibe nicht die letzte sein… Und für die zukünftigen habe ich deine Worte im Ohr.
    Ich habe auch eine Passage herausgesucht, von einem Autor, den ich sehr schätze. Anton Tschechow, Missius:
    „… Ich beginne bereits das Haus mit dem Halbgeschoss zu vergessen, und nur zuweilen beim Schreiben oder Lesen fällt mir plötzlich das grüne Licht im Fenster, bald der Laut meiner Schritte ein, wie ich ihn vernahm, wenn ich verliebt nachts über das Feld heimkehrte und mir die Hände vor Kälte rieb. “
    Ja, Sven. Für solche Momente sind wir den Meistern dankbar, wir studieren sie, ihe Art zu schreiben macht uns staunend, klüger, mutiger, besser, wir entwickeln uns, und stehen im Echo, um unser eigenes Können voranzutreiben.

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