Erste Sätze

Die Funktion des ersten Satzes in einem Roman könnte Thema einer eigenen Abhandlung sein. Erste Sätze sind wundervoll. Ich finde es spannend zu sehen, was man den ersten Satz alles machen lassen kann. Sie sind enorm mächtig. So mächtig, dass sie für sich alleine legendär werden können, ohne dass die Leser überhaupt noch wissen woher der Satz eigentlich stammt. Das kann selbst dann passieren, wenn der Satz nichts anderes macht, als nur den Protagonisten vorzustellen:

„Call me Ishmael.“

[Herman Melville – Moby-Dick]

Oder mit nur einem halben Dutzend Worten eine kraftvolle Stimmung setzt:

„The last camel collapsed at noon.“

[Ken Follett –  The Key to Rebecca]

Manchmal definiert der erste Satz gleich Charakter und Schicksal des Protagonisten für das ganze Buch:

„Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.“

[Heinrich Mann – Der Untertan]

Oder er greift den Leser beim Nacken und macht ihm unmissverständlich klar, wo und wie hoch ab jetzt die Meßlatte hängt:

„Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte.“

[Patrick Süskind – Das Parfüm]

Alles ist möglich, auch dass man sich einfach über den ersten Satz lustig macht:

„I’m pretty much fucked.“

[Andy Weir – The Martian]

Oder, mit einem charmanten Understatement, freundliche Harmlosigkeit verspricht:

„Far out in the uncharted backwaters of the unfashionable end of the western spiral arm of the Galaxy lies a small, unregarded yellow sun.“

[Douglas Adams – The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy]

Meine absoluten Lieblingssätze sind jedoch immer die, die mir auch nach dem zehnten Mal lesen einen Schauer über den Rücken jagen, ohne das ich erklären kann warum. Ich weiss dann zuverlässig, dass ich in den Händen eines Meisters bin:

“The man in black fled across the desert and the gunslinger followed.“

[Stephen King – The Gunslinger]

Was sind Eure absoluten Lieblingssätze am Anfang eines Romans?

 

 

2 Kommentare zu „Erste Sätze

  1. „It is a truth universally acknowledge, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife. “ – Pride and Prejudice von Jane Austen.
    Lieblingssatz meines Lieblingsbuches 😀

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  2. Der erste Satz (eigentlich auch der zweite ), ist wie das Amen eines Gedichtes, nur bezeichnenderweise am Anfang stehend. Mit ihm hält der Autor ein machtvolles Instrument in der Hand. Sei es eine Pauke, ein wohltemperiertes Klavier, ein schräges Sax, oder eine weniger bekannte Kalimba. Hier einige meiner Bücher – Favoriten:

    Zuerst mein hochgeschätzter Hanns Josef Ortheil, Liebesnähe:
    „Er fährt die schmale, hellgraue Straße entlang, die jetzt von dunklen, dichten Nadelwäldern gesäumt wird, die wenigen, vereinzelten Wolken hoch oben setzen sich scharf vom tiefen Himmelsblau ab, er fährt immer langsamer, diese stille Vorgebirgslandschaft hat etwas wohltuend Einsames. “

    Natürlich darf James Joyce nicht fehlen, Ulysses:
    „Stattliche und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. “

    … und was macht die geniale Virginia Woolf? Sie „ignoriert“ den „ersten Satz“ und spielt dann auf der Orgel. Einfach köstlich. Die Wellen:
    „Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Meer und Himmel ließen sich nicht unterscheiden, nur dass das Meer leicht gefältet war wie ein zerknittertes Tuch.“

    Der starke Satz im sogenannten Wissenschaftsbuch von Brian Greene, Das eleganze Universum:
    „Es als Vertuschung zu bezeichnen wäre stark übertrieben. “

    Das bewundernswerte Buch von Daniel Tammet, in dem es um „Die Poesie der Primzahlen “ geht, fängt so bitterleicht an:
    „In einem kleinen Vorort von London, in dem nie viel passierte, war meine Familie Stadtgespräch. “

    Es geht auch wuchtiger. William Gaddis haut dem Leser in „Die Fälschung der Welt “ eine halbe Symphonie um die Ohren, damit dieser auch genau weiß, was ihn erwartet:
    „Sogar Camilla war zeitlebens einem Maskenball nicht abgeneigt gewesen, wobei sie sich jedoch stets auf unverfängliche Veranstaltungen beschränkt hatte, deren Reglement die Selbstentlarfung ausdrücklich zuließ, in jenem entscheidenden Moment nämlich, in dem die Maske Anspruch auf Wirklichkeit erhob.“
    (…hat übrigens 1241 Seiten)

    Den finde ich auch nicht schlecht:
    „Sprachlich festgehaltene Resultate können der ewiglichen himmlischen Ordnung nicht zur Genüge reichen.“
    Der Duft vom Bild

    Dorit Mitev Kirsche

    Ein inspirierendes, unerschöpfliches Thema; dieser erste Satz. Danke Sven.

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