Worum geht es in deinem Buch?

Die Frage „Worum geht es in deinem Buch?“ will niemand von seinem Lektor gestellt bekommen. Es ist die eine Frage, mit der man Autoren am zuverlässigsten in den Wahnsinn treiben kann. Entgegen anders lautenden Gerüchten stellt ein Lektor die Frage aber nicht, um den Autor zu ärgern.

Die Frage zielt vielmehr auf einen ebenso wichtigen, wie wenig offensichtlichen Unterschied, den ein Autor besser verstanden haben sollte, bevor er sein Buch an einen Verlag schickt. Es ist der Unterschied zwischen dem Setting eines Romans und seinem Kernthema. Dem Rahmen, innerhalb dessen die Geschichte erzählt wird, und der Botschaft, die der Autor darin transportieren möchte. Das ist nicht das Gleiche, auch wenn es immer wieder gerne verwechselt wird.

In Shakespeares Romeo und Julia geht es nicht um die Liebe zwischen zwei jungen Menschen gegen den Widerstand ihrer Familien. Das ist das Setting, also der Rahmen, in dem der Autor seine Botschaft verpackt. Tatsächlich geht es um die Liebe selbst. Eine Macht, die als derart überwältigend, mitreißend und rücksichtslos beschrieben wird, dass sie Grenzen zerschlägt, Familienbande zerstört, den Ruin für die Beteiligten bringt und schlussendlich den Tod der Liebenden fordert, welche ihr hoffnungslos ausgeliefert sind. Liebe wird hier fortwährend mir Kontrollverlust und Gewalt assoziiert. Und ja, das kann als harsche Kritik gelesen werden und ist weit weg von der romantischen Brille, durch welche das Stück im Mainstream gerne gesehen wird.

In Melvilles Moby Dick geht es nicht um einen wahnsinnigen Kapitän, der einen Wal jagt. Das ist das Setting des Romans. Es geht tatsächlich um den Kampf des Menschen gegen die Natur. Es geht um Ausbeutung von Ressourcen, um Schicksal und Bestimmung beim Kampf gegen übermächtige Gewalten, in denen der Mensch verflucht scheint am Ende den Kürzeren zu ziehen.

In Tolkiens Herr der Ringe geht es nicht um den Kampf von Hobbits gegen Sauron. Das ist das Setting. Es geht um die endlosen Machtkämpfe zwischen alten, übermenschlichen Rassen, welche schon seit Äonen gegeneinander antreten, ohne dass jemals ein Ende in Sicht sein wird. Es geht um den Wandel der Zeiten und den Abschied von einer uralten Weltordnung. Es geht um die Rolle der Menschen, welche als junge Emporkömmlinge die alten Rassen zum Anbruch eines neuen Zeitalters ablösen sollen.

Es ist absolut essenziell, dass ein Autor versteht, dass sein Buch ein Kernthema braucht, dass sich vom Setting unterscheidet. Ich sage dies in so deutlichen Worten, weil ich weiß, dass neun von zehn Autoren, die ihre Werke beim Verlag einreichen, es offensichtlich nicht wissen.

Das Kernthema ist das Fundament des Buches. Es zielt auf die Kernaussage und diese ist im besten Fall ein einzelner Satz, welcher in großen Buchstaben an der Wand über dem Schreibtisch des Autors hängen sollte. Jeder einzelne Satz, der in die Tastatur geht, treibt diese eine Aussage voran. Sie ist die Messlatte für alles im Buch. Charaktere, die nichts mit dieser Aussage zu tun haben, werden gestrichen. Szenen, die keinen Bezug zu dieser Aussage haben, ebenfalls.

Missachtet der Autor diese Zusammenhänge läuft er Gefahr den schwersten Anfängerfehler zu begehen, der einem Autor möglich ist: Er schreibt ein Buch, in dem es um nichts geht.

Keine Sorge, mindestens eines davon haben wir alle in der Schublade.

 

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